Liebe Leserin, lieber Leser

Allen einen guten Start ins 2023

"n i c h t    v e r s a n d t "

Hallo Gianni Infantino

Nun ist sie also vorbei, die Fussball Weltmeisterschaft 2022 in Katar. Sie hat mich nicht kalt gelassen, obwohl ich mir das gewünscht habe. Es ging mir dabei wie mit Ihnen. Seit Jahren habe ich schon entschieden, einfach nicht mehr alles wissen zu wollen, was die FIFA, Sie, Herr Blatter und Entourage betrifft. Das ist aber kaum möglich.

Ich erinnere mich an Peter Bichsels Kindergeschichte:
Der Mann, der nichts mehr wissen wollte

Kennen Sie sie? Der Anfang geht so: Ein Mann wollte nichts mehr wissen. Doch schon läutete das Telefon und statt es läuten zu lassen, was er ja hätte tun sollen, wenn er nichts mehr wissen wollte, nahm er den Hörer und sagte: "Guten Tag" und der andere sagte auch "Guten Tag. Schönes Wetter heute" und schon wusste der Mann, der nichts mehr wissen wollte, wie heute das Wetter ist. Dem Mann ergeht es schrecklich: am Schluss weiß er auch, wie es ist, wenn man nichts mehr wissen will.

Ja, so geht es mir mit Ihnen, der FIFA und dem ganzen Drum und Dran. Sie sind immer präsent in den Medien, ob auf der Front, in der Klatschspalte, unter Gerichtsverhandlunen oder im Finanzteil. Immer Infantino, früher Blatter, FIFA … Es gibt kein Entrinnen.

Das ist wie mit dem Kapitalismus, den Börsenberichten vor der Tagesschau und dem Gejammer, wenn mal etwas in einem Vierteljahr nicht mehr zweistellig wächst. Alle wissen, es ist eine Show, alle klatschen mit – fast alle. Wie beim Fussball. Obwohl ich eine Ignorantin bin, tun mir am Schluss noch die Sportler leid. Sie wollten – die meisten hoffe ich – einfach gut spielen, Tore schiessen und nicht immer instrumentalisiert werden.

Ich bin mit der FIFA aber seit bald 30 Jahren eng verbunden. Lachen Sie nicht. Es war in den 90er Jahren als im Stadtrat von Zürich der Antrag vorgelegt wurde, an den Eingangsstrassen von Zürich die Ortstafel mit Zürich, die FIFA-Stadt zu beschriften. Ich hielt ein so fulminantes politisches Plädoyer dagegen, dass meine Kollegen ziemlich irritiert reagierten. Woher die Leidenschaft? Ich kann es Ihnen sagen: aus dem tiefsten Bauch heraus, mit gesträubten Haaren und kaltem Schweiss. Das fehlte gerade noch, hatten wir doch schon genug zu kämpfen mit dem Label Finanzplatz, Bankenstadt und ähnlichem Schlamassel. Ich nehme mal an, dass man im Nachhinein sehr froh war, auf die "schwierige Grüne" gehört zu haben. Zudem nerven mich Ihre Steuerbefreiung – Sie seien eine gemeinnützige Organisation heisst es - und Ihr Hauptsitz an bester Lage, ebenso das FIFA Museum schon genug.

Gianni Infantino, was ist jetzt? Was ist mit Katar, seinen acht Megastadien, seinen Hotels und einer Infrastruktur, die Milliarden gekostet haben? Was ist mit Ihrem grotesken Auftritt, als Sie sich als einen Wanderarbeiter, einen Schwulen und einen Menschenfreund "schimpften"? Was war denn das? Welcher PR-Agent hat Ihnen denn diese Show empfohlen? Sollten Sie Kennedy imitieren, der vor der Mauer durch Berlin rief: "ich bin ein Berliner!" Sorry, das war ein total anderes Format.

Also: ich kann mich nicht von Ihnen trennen. Denn Sie sollen kürzlich nach Zug gezogen sein, so quasi in den Vorort von Zürich oder ins Hinterland, was die Finanztransaktionen angeht. Ich muss mich mit Ihnen arrangieren, eine Haltung entwickeln, die meine Nerven schont.

Aus Soziologie und Psychologie lernen wir doch, dass es Rollen gibt. Unsere Gesellschaft ist auf Rollenstrukturen aufgebaut, damit sie funktionieren kann. In der Rolle aber stecken Menschen, Männer und Frauen, Individuen und sie tragen die Verantwortung, dass Rollen mit Leben, mit Identität gefüllt wird. Ihre Rollen Struktur ist hinlänglich bekannt, grotesk und unsympathisch. Gibt es auch eine Rollenidentität?

Ich bin eine altmodische Moralistin, ich weiss, Trotzdem oder gerade deswegen: ich wünsche Ihnen, und das meine ich weder zynisch noch mit einem gemeinen Hintergrund, eher als alte Sozialarbeiterin, ja, ich wünsche Ihnen, dass Sie bald zurücktreten und dann merken, dass Sie – vielleicht – eine Identität haben und um was es im Leben wirklich geht.

Monika Stocker

Eben lese ich, dass Sie die Option sehen noch bis 2034 im Amt zu bleiben. Ach ja

 

Wenn Sie eine Lesung oder ein Referat planen, zu dem Sie mich einladen möchten, bin ich für sehr frühzeitige Terminsuche dankbar: Kontakt per Mail

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