Liebe Leserin, lieber Leser

Die Welt ist nicht im sommerlichen Ruhe Modus, ganz und gar nicht. Ich wünsche Ihnen gerade deshalb Momente der Entspannung und der meditativen Ruhe. Das tut wohl Ihnen und uns allen gut!

Es ist zu schaffen

Herzliche Einladung
Zur Buchvernissage von Monika Stocker

Dienstag 27. September, 18 - 1930h
Saal Sihl im Glocken Hof

"n i c h t    v e r s a n d t "

Liebe Kamela Harris,

wo zum Kuckuck stecken Sie? Ich lese, sehe fern, informiere mich – es gibt Sie seit Wochen nicht (mehr). Das weckt Phantasien.

Dabei hatte ich mich so gefreut, dass Biden Sie als Vize ausgewählt hat, eine coloured woman, intelligent, mit politischer Praxis, mutig, unverblümt. Ich holte in der Bibliothek Ihre Biografie, freute mich über die harte Kämpferin, die aber nicht hart zu andern wurde, im Gegenteil; Sie bemühten sich, junge Frauen karrieremässig mitzunehmen. Sie waren gerecht, was immer das in einem Strafprozess heisst, niemand konnte Ihnen falsche Rücksichtnahme vorwerfen. Zudem, das Urteil war das eine, dann suchten Sie mit andern, auch NGOs nach Lösungen, damit es für den Verurteilten „weitergeht“. Ich freute mich zu lesen, wie Sie sich in den Mann an Ihrer Seite verliebten, wie ein Teenager konnten Sie tanzen, lachen, sich freuen, dass es diesen Mann gibt. Sie heirateten und wurden Mutter seiner Kinder, Teenager schon. Es zeigte sich, was wir ja alle wissen können, mütterlich wird eine Frau nicht durch Schwangerschaft und Geburt, sondern durch Zuwendung, durch Herzens“arbeit“.

Ich verfolgte den Wahlkampf, wo Sie –davon bin ich überzeugt – in gewissen Staaten sehr viel beigetragen haben, dass Biden siegte.

Ich lachte, als ein Video auftauchte, wo Sie im Jogginganzug und verschwitzt Biden telefonierten: Joe, you‘ve got it! Vielleicht fing es ja da an: „you“, nicht „we“.

Bei der Vereidigung sehe ich Sie im royalblauen Mantel den Eid leisten, bescheiden, demütig fast und Ihr Mann, so schien es mir, stärkte Ihren Rücken.

Und seither gab es Sie nicht mehr. Seit Monaten hörte ich nur den alten Herrn, sah ihn dynamisch aufs Podium gümperlen, mal mit dem patriarchalen Zeigfinger moralisierend oder dann die immer gleichen Herrschaftsworte sprechen, die alle eingebildeten Chefs der Welt sprechen: we will,  greatest    what ever,   we,   we .

Wo sind Sie? Wer hält Sie ruhig? Sie selbst?

 

Schon beim Desaster von Afghanistan, wie wunderbar wäre es gewesen, wenn Sie da gewesen wären und ja, vielleicht auch Ihre Verzweiflung ausgedrückt hätten, dass die ganze verd… Machtpolitik nur Elend und Tod gebracht hat und sonst gar nichts. Einmal mehr werden es die Frauen sein, dort sowieso, aber auch die Frauen der Rückkehrer, die so kaputt zurückkommen, dass es zum Fürchten ist. Die Frauen bezahlen den Preis jedes Krieges, einen sehr hohen.

Einmal sickerte ein Trümmerfrauenauftrag durch: Sie sollen sich um die Migration kümmern. Ah ja, wo doch alle wissen, dass es schon lange nicht um Migration geht sondern um den Krieg der Reichen, oder ideologisch gesagt, der Ausbeuter gegen die Armen, oder eben Ausgebeuteten. Die Migranten verhalten sich doch total konform, konform dem extremen Liberalismus: jeder ist seines Glückes Schmied, konform auch dem Markt: man muss flexibel sein und dorthin gehen, wo man gebraucht wird, wo es Arbeit gibt. Also: was ist, wäre Ihre Aufgabe? Zäune und Gräben zu errichten, Frontex und andere Armeen aufzurüsten, damit sich für die Wohlhabenden nie etwas ändert, bis sie untergehen? Was haben Sie da wohl geantwortet?

Und dann tauchten Sie auf bei Sicherheitskonferenz in München und oh Gott, Sie sprachen wie er, die gleichen Eisworte, Herrschaftsworte, Drohungen. Muss das sein? Enttäuschend. Sie sagten, was alle sagen, was Biden wie eine Gebetsmühle jeden Tag ausspricht: die Russen, die Russen, die Russen... Man hatte das Gefühl, er wäre sehr enttäuscht gewesen, wenn der Angriff nicht erfolgt wäre. Und Sie wiederholten es, tapfer, bestimmt, wie erwartet. Und so war es denn auch. Selbstverständlich sind Sie nun von Herrn Putin auf die schwarze Liste gesetzt worden wie ja viele.

Wir warteten doch alle, dass da eine Frau hin steht und sagt: „wir müssen Frieden versuchen, helfen Sie doch bitte mit!“ Wie wohltuend wäre so ein Wort gewesen, nicht naiv sondern realistisch.

Angenommen Sie hätten gesagt: das darf nicht sein, Herr Putin, das darf nicht sein Herr Biden, Joe, was müssen wir tun, um euch zur Vernunft zu bringen? Was können wir zur Deeskalation beitragen bevor es zu spät ist? Dann war es zu spät.

Wie sehr möchten wir Sie hören, Kamela Harris, eine Frau, die mal auch was anderes sagen kann zur Weltlage als nur zu drohen, Putin und China und wem auch immer, eine Frau die auch versuchen könnte, Brücken zu bauen, und sich nicht schämt, den Dreck vor der eigene Haustüre (z.B. das illegale Gefangenenlager Guantanamo), anzuschauen und wegzuräumen… und…und…

Liebe Kamela Harris, ich muss mich entschuldigen; wie immer hoffe ich und wünsche ich, dass es möglich ist, dass Frauen an der Macht etwas verändern können. Dabei weiss ich ja aus Erfahrung, das Beste, was wir tun können, ist das, was Trümmerfrauen immer tun: aufräumen, das Leben organisiert halten, damit es weitergeht, für die andern, trotz allem.

Könnte es aber auch sein, dass Sie die „Hausarbeit“ machen? Nämlich den Regierungsalltag schmeissen, Konferenz abhalten, Bittsteller:innen anhören, Projekte begleiten, Leute empfangen, für die man(n) keine Zeit hat? Ich weiss es nicht. Es wäre hilfreich, wenn ich mich in eine Fliege verwandeln und bei Ihnen nur kurz um die Ohren sausen und mitverfolgen könnte, wie so ein Arbeitstag abläuft. Denn eigentlich kann ich mir nicht vorstellen, dass Sie sich einfach in eine Ecke stellen und sich mundtot machen lassen, das passt ganz einfach nicht.

Biden musste Ihnen für eine Stunde die Regierungsgeschäfte übertragen als er eine Darmspiegelung unter Narkose hatte. Wie war denn das? Wahrscheinlich gar nicht „anders“; Leben, Alltag ist eben Leben, Alltag, was denn sonst? Aber es zeigt halt doch, der 80jährige ist ein alter Mann und es stellt sich schon die Frage, was ist in gut einem Jahr, wenn der Wahlkampf, der ja nie aufhört, doch neu anfängt? Kommt er nochmals als Kandidat? Oder – was ja so ein wunderschönes Märchen wäre – er tritt nach den Midterms zurück und lässt Sie als amtierende Präsidentin in den Wahlkampf einsteigen. Träume, ich weiss, aber auf diesem geschundenen Planeten, voller Gier und Hass, bis zu den Zähnen gespickt mit Waffen, die zehntausendmal reichen, um alle Menschen zu vernichten und alles Leben dazu, da helfen nur Märchen. Vernunft ist es definitiv nicht mehr. Die Aufklärung ist am Ende, da können nur noch Wunder helfen.

Mein Traum, Sie und ein paar machtvolle Frauen laden zu einem W 20 Gipfel, wobei W selbstverständlich für Women steht. Und da beraten Sie, was – noch – zu retten ist und wie. Das muss doch noch geschehen, bevor wir aufgeben!!!

Liebe Kamela Harris, ich weiss ganz einfach nichts über Sie, Ihr Leben jetzt, deshalb meine Phantasien, die vielleicht total falsch sind. Eines aber ist gewiss, ich begleite Sie mit guten Gedanken. Das machen Hexen immer, wenn man(n) sie denn lässt und auch, wenn man(n) sie nicht lässt. Ich wünsche Ihnen die Kraft, die es braucht, zu leben in diesen Zeiten, gut zu leben.

 

Lieber Domenico Lucano 

Wo Sie wohl sind zurzeit? Das Gefängnis dürfte es nicht mehr sein, dafür reichten denn die Anschuldigungen der Staatsanwälte und der Ultrarechten doch nicht aus. Man musste Sie wieder freilassen. Sehr wahrscheinlich leben Sie irgendwo in Kalabrien, möglicherweise unter fremden Namen. Sicher scheint nur zu sein, wo Sie  n i c h t  sind, in Riace nämlich, in dem kleinen Dorf in Kalabrien, wo Sie bis 2018 Bürgermeister gewesen waren.

Sie waren ein beliebter Bürgermeister, ihr „Mimmo“, wie die Leute Sie liebevoll nannten. Man hat heftig demonstriert und protestiert, als man Sie ins Gefängnis steckte. Viel genützt hat es noch nicht, das Verfahren laufe noch. Sie, Domenico Lucano, sind nicht mehr der Bürgermeister von Riace und werden nicht mehr dorthin zurückkehren dürfen. Dieser „Beschluss“ wurde im Gericht gefasst. Die paradoxe Situation umschreiben Sie selbst so: „Ich kann mich in ganz Italien frei bewegen, nur nach Riace kann ich nicht. Das ist paradox. Einerseits bin ich zufrieden, andererseits bin ich verbittert.“

Ihre Geschichte hat mich geschüttelt. Wie verbohrt muss man denn sein, dass Ideologien und alles, was den Ultrarechten dient, um mit bad news Stimmung zu machen, nicht mehr durchbrochen werden kann mit guten Nachrichten, mutigen Taten und Lösungen, ganz einfach praktikablen, menschlichen Lösungen!

Lieber Domenico Lucano

Ich kann mir das gut vorstellen. Sie hatten erkannt, dass ihr kleines Dorf immer leerer wurde, die jungen Menschen migrierten in den Norden, suchten ihre Zukunft anderswo. Immer mehr Menschen wanderten mangels Perspektiven ab, Läden, Restaurants und schließlich auch die Schule wurden geschlossen. Eine traurige Dynamik, der Sie einfach nicht zusehen wollten.

Dann kam die andere Migration, jene aus Afrika, aus dem Maghreb. Immer mehr Migranten kamen auf der Suche nach einem besseren Leben durch Riace. Da beschlossen Sie, das Schicksal in die Hand zu nehmen. Sie stellten den Migrantenfamilien leerstehende Häuser zur Verfügung, gründeten Kooperativen, die ihnen und den verbliebenen Einwohnerinnen und Einwohnern Arbeit und Brot brachten und setzten europäische und italienische Fördergelder geschickt ein.

Sie, Domenico, informierten die lokalen Medien: „Die Migranten haben dazu beigetragen, das Problem zu lösen und über die Resignation zu siegen. Die Flüchtlinge haben Gemeinschaften wiederauferstehen lassen. Sogar die Schule konnten wir wieder öffnen.“

Diese gute Botschaft war falsch. Der Ärger begann. Die Staatsanwälte aus Locri warfen Ihnen eine Reihe von „furchtbaren Taten“ vor:

  1. Sie hätten es unterlassen, die Fördergelder nur für die e i g e n e n Bürger/innen einzusetzen.
  2. Sie hätten eine Scheinehe arrangiert, damit jemand nicht abgeschoben werde.
  3. Sie hätten die Müllabfuhr statt öffentlich auszuschreiben, einer Kooperative übergeben.
  4. Und und…

 

Was ging Ihnen durch den Kopf? Ich könnte mir vorstellen, einfach Naheliegendes. Man akzeptierte Ihr Handeln weitherum, nur Rom und die Ultrarechten witterten Gefahr. Wenn das „Wunder von Riace“ – so titelte eine Lokalzeitung -  Schule machen würde, wo kämen wir da hin, meinten jene, die in jedem Migranten einen Usurpator sehen!

Die Demonstrationen für Sie machten verlegen. Es waren nicht nur Leute aus Riace, die für Ihren Mimmo auf die Strasse gingen, sondern auch aus umliegenden Gemeinden, die alle ähnlichen Problemen gegenüberstehen: Migration der eigenen in den Norden, Migration der fremden aus Süden.

Eine Demonstrantin formulierte es so:“Riace mit seiner positiven Geschichte von der Migration passt halt den Rechtspopulistes nicht in den Kram. Dabei hat Lucano doch getan, was alle tun müssten: den Ort aus den Händen der Mafia, der Spekulanten und von jenen zu nehmen, die Millionensummen verschieben für ihre Machterhaltung. Wir haben mit den Migranten zusammen die Zukunft angepackt, in die eigenen Hände genommen.“ Es gibt viele, die wollen, dass Sie nach Riace zurückkehren. Mehr als 260 Kolleginnen und Kollegen haben sich zu einem Netzwerk zusammengeschlossen, 15.000 Menschen haben in Süditalien mit der Unterbringung von Migranten Arbeit gefunden.

Matteo Salvini hingegen kommentierte: „Man wolle in Riace das Rad zurückdrehen, es sei ein Beleg dafür, dass die außer Kontrolle geratene Migration zu Verbrechen führe.“

 

Lieber Herr Lucano,

ich weiss nicht, wie es weitergeht, weder für Riace, noch für Sie. Ich habe irgendwo gelesen, dass die Fördergelder zusammengestrichen wurden – klar, was denn sonst! Und ich könnte schreien. Wie nur gehen Sie mit dem allem, Ihrer persönlichen Geschichte um?

Vielleicht stimmt es ja, was ich auch im Internet gelesen habe: Giovanni Maiolo, der Präsident des Gemeindeverbundes, habe einen Vorschlag gemacht: „Wir haben unsere Bürgermeister gebeten, Lucano zum Ehrenbürger zu machen. Riace war in diesen Jahren das Zuhause für alle. Dank vor allem Lucanos haben viele Obdachlose hier ein Zuhause gefunden“.

Ehrenbürger? Ach ja. Ich hoffe einfach, dass Sie innerlich zufrieden sind. Es ist gut zu tun, was halt zu tun ist, wie laut auch draussen geschrien wird. Aber ich weiss, einfach ist das nicht.

Ich danke Ihnen und habe grosse Achtung für Sie!

 

Wenn Sie eine Lesung oder ein Referat planen, zu dem Sie mich einladen möchten, bin ich für sehr frühzeitige Terminsuche dankbar: Kontakt per Mail

Bücherverkauf

MITTENDRIN

Fünf Jahrzehnte Sozialarbeit 1968-2018,
ein Lesebuch mit Geschichte und Geschichten
Atelier Monika Stocker, 220 Seiten, Hardcover
bestellen
Alles hat seine Zeit

ein Lesebuch zur Hochaltrigkeit
tvz Theologischer Verlag Zürich, 2015, 128 Seiten, Paperback mit zahlreichen schwarz-weissen und farbigen Illustrationen
bestellen
© Copyright Monika Stocker