Liebe Leserin, lieber Leser

Neues Buch:
Es ist zu schaffen
Geschichten sammeln,
Geschichten von Menschen einfangen
in der ganzen Breite und Tiefe des Alltags.
Das ist mir zu einer Leidenschaft geworden.
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Atelier Monika Stocker, Kurzgeschichten,
Hardcover
ISBN 978-3-033-09394-2
CHF25

Lesungen am
23. Oktober, 18h Casa piccola Dübendorf

25. Oktober Seniorennachmittag Dübendorf

"n i c h t    v e r s a n d t "

Hallo Roger Federer

Ich gestehe es gleich: ich verstehe nichts vom Tennis und bin absolut unsportlich. Und dennoch: ich kenne Sie wie alle Schweizerinnen und Schweizer und wohl Millionen von Fernseh Zuschauerinnen und Zuschauer und das seit Jahren. Ihr Bekanntheitsgrad ist wohl nur mit der Queen zu vergleichen.

Sie haben erklärt: jetzt reicht es. Das haben einige Ihnen fast übel genommen. Was denn jetzt? Wer wird wieder so berühmt? Wen aus der Schweiz kennt man in Zukunft auf der ganzen Welt? Für gewisse Leute ist das hart.

Ich muss Ihnen aber gestehen, dass es mich auch ein wenig erlöst hat. Immer wieder habe ich mir überlegt, wie kann man eine solche Karriere beenden ohne ein Wrack zu sein, körperlich kaputt oder eine Lach Nummer? Ich habe mir gewünscht, dass Sie das schaffen, souverän, so quasi mit aufrechtem Gang und Würde. Das ist ein schwieriges Wort in der Medien Welt von heute. Sie aber haben das geschafft.

  • Sie haben eine Familie und es gab einfach keine Skandale
  • Sie wurden reich und man hat es Ihnen nicht übel genommen
  • Sie haben immer wieder auf Ihren Körper gehört und das auch so gesagt und niemand hielt Sie für ein Weichei.

Das dünken mich tatsächliche Leistungen, vielleicht gar noch mehr als Ihre sportlichen. Die will ich aber keineswegs mindern, ich verstehe nur nichts von denen.

Was mich nämlich zurzeit am schwierigsten dünkt, das ist das Wort Sieg. Zu oft erfolgt er auf Kosten von. Das ist ja, was ich am Sport trotz meiner Inkompetenz schätze. Es gibt Sieger und Verlierer und das ist normal, das liegt implizit an der Tagesordnung. Und mal gehört einer oder eine zu dieser Seite und dann wieder auf die andere. Auch das ist normal.

Was ich beobachtet habe: Sie eigneten sich nicht für die Sieger Pose, auch eine Seltenheit auf dieser Welt. Wenn Sie gewonnen haben und das war ja fast die Regel, dann freuten Sie sich, klopften Ihrem Gegner auf die Schulter oder umarmten ihn auch und dankten dem Schiedsrichter. Natürlich ist das auch Usus, aber Show und innere Haltung kann ich sehr gut auseinander halten. Ich habe mich da in einem mehrere Jahrzehnte dauernden Praktikum quasi zur Spezialistin ausgebildet, Schule des Lebens in Sonderklasse. Ich attestiere Ihnen deshalb eine Auszeichnung. Wer theatralisch das Racket in die Menge wirft, die Hände zum Himmel hebt und zornentbrannt in die Runde blickt, gleicht zu sehr gewissen Herren in der Politik. Und die verwechseln Siegen und Verlieren mit ihrem Ego. Genau das habe ich bei Ihnen nicht gespürt.

Die Welt hat von Ihnen resp Ihrer Profikarriere Abschied genommen mit einer Sonderpartie, wo Sie gleich nochmals ein Zeichen setzten, nämlich Seite an Seite zu spielen mit Ihrem Erzrivalen. Wer kann das schon. Ich wüsste da weltweit einige Paarungen, die kläglich versagen würden. Sie haben das Spiel zwar verloren und es doch gewonnen. Gratuliere. Und selbst Ihre Tränen waren echt und gut.

Als alte Sozialarbeiterin stelle ich mir natürlich nun auch die Frage, wie werden Sie mit dem Verlust leben, dem Verlust nicht mehr auf der Siegerliste zu sein, nicht mehr in aller Munde zu sein, an Bedeutung zu verlieren? Das dauert ja noch eine Weile. Aber die Halbwertszeit von Bekanntheit ist gnadenlos. Ich verrate Ihnen: aber auch: sehr befreiend. Vielleicht ist es genau das, was sich ihre Familie wünscht, Ihre Frau, Ihre Kinder. Einfach zu leben, wie andere Leute auch, kein Termindruck, keine Journis, die dauernd darauf lauern, dass Sie sich lächerlich machen oder einen faux pas Ihrerseits gar herbeiführen möchten.

Lassen Sie sich ruhig Zeit. Die Bremsspur nach einer jahrelangen Sonderfahrt ist lang. Seien Sie geduldig, mit sich und den andern.

Vielleicht hören wir mal in ein paar Jahren von Ihnen, wie es Ihnen geht. Wie sehr hoffe ich für Sie und Ihre Familie, dass Sie dann sagen können: alles ist normal, gut, vielleicht sogar gewöhnlich! Das wünsche ich Ihnen

Monika Stocker

Wenn Sie eine Lesung oder ein Referat planen, zu dem Sie mich einladen möchten, bin ich für sehr frühzeitige Terminsuche dankbar: Kontakt per Mail

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MITTENDRIN

Fünf Jahrzehnte Sozialarbeit 1968-2018,
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Atelier Monika Stocker, 220 Seiten, Hardcover
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tvz Theologischer Verlag Zürich, 2015, 128 Seiten, Paperback mit zahlreichen schwarz-weissen und farbigen Illustrationen
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