Liebe Leserin, lieber Leser

Der Wechsel der Jahre ist immer wieder ein Neubeginn. So auch bei der monatlichen Lektüre. Ich habe in den letzten 2,5 Jahren 30 Monatsgeschichten geschrieben und werde im 2022 auf vielseitigen Wunsch diese in einem kleinen Buch drucken und herausgeben. Das wird voraussichtlichen im Frühsommer sein. Selbstverständlich werden Sie rechtzeitig informiert werden.

Vorerst finden sie alle Monatsgeschichten im Archiv 2020 und 2021 auf der Website.

Ab 1. Januar 2022 gibt es einen Monatsbrief an… nicht versandt. Der Begriff nicht versandt stammt aus der Verwaltung, wo jeweils jemand einen Brief vorbereitet und ihn eben als nicht versandt belässt, bis alle Entscheidungsträger: innen oder Verwaltungseinheiten dazu Stellung genommen, ergänzt, korrigiert haben. Mein Monatsbrief bleibt mit Sicherheit „nicht versandt“, auch wenn ich ihn gern Ihnen vorlege.

Ich hoffe, Sie bleiben Leser:in und gern erwarte ich auch Ihr Feedback.

 Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit zwischen den Jahren und trotz Pandemie einen hoffnungsfrohen Start ins Jahr 2022.

"n i c h t    v e r s a n d t "

Liebe Angela Merkel,

ich versuche mir vorzustellen, wie es Ihnen geht und wie Sie sich jetzt fühlen. Ich stelle mir vor, dass Sie in einem gemütlichen Stuhl an einem grossen Fenster sitzen mit Blick auf Berlin, vielleicht auf einen Teil eines Parks, mindestens etwas grün muss doch sein oder auch Blick auf einige Türme, die die Städte seit je vermessen, die alten, die neuen, die zusammengewachsenen und wiedervereinigten.

Ich kann mir vorstellen, dass Sie lesen, vielleicht es auch nur versuchen. Denn es könnte ja sein, dass Ihnen tausend Dinge durch den Kopf gehen, die zuerst geordnet, versorgt, eingereiht werden müssen, bevor irgendetwas Neues Platz hat.

Ich mache natürlich ganz unbescheiden meine persönliche Erfahrung geltend, dabei waren es nur 14 Jahre, nicht 16 wie bei Ihnen und nicht vergleichbar mit Ihrem gewaltigen Arbeitsvolumen. Denn neben der Kanzlerschaft mussten und wollten Sie Europapolitik machen, ja Weltpolitik und ihre „Gspänli“, wie mein Mann jeweils meine Kolleginnen und Kollegen nannte, waren bei Ihnen ja in wechselnder Besetzung oft eine schlichte Zumutung. Sie konnten sie auch nicht auswählen, sie waren eines Tages einfach da und Ihre Partner, Gegner oder beides gleichzeitig.

Ich habe in den letzten Jahren oft mit Ihnen geredet, in Gedanken, mich auf eine Art mit Ihnen ausgetauscht. Ihre Ruhe und Sicherheit machten mich auch neidisch. Meine Emotionen sind immer sichtbar, spürbar und damit machen sie mich halt verletzlich. Bei Ihnen hatte ich den Eindruck, dass Sie die Emotionen kontrollieren können und gelernt haben, damit souverän umzugehen. Nur selten – so schien es mir – spürte man, dass da Erschütterung, Verzweiflung, auch Unverständnis fast nicht mehr zu überspielen waren. Wie verständlich!

Ich masse mir nicht an, Sie und Ihre Arbeit zu beurteilen. Ich bin nur einfach eine Zeitzeugin, eine interessierte noch dazu und deshalb auch dankbar für Ihre Kanzlerschaft.

Ehrlich, ein Typ, wie sie zur Zeit auf der Weltbühne leider zu oft zu finden sind, der in Ihrer Zeit in Deutschland regiert hätte, der hätte für uns alle in Europa verheerende Wirkungen lostreten können. Einen Geschmack davon bekamen wir ja mit der Präsidentschaft von Trump und in Europa mit Ungarn, um nur einige zu nennen. Sie hielten dagegen, agierten nicht mit, was ja oft naheliegend gewesen wäre.

Ich habe mich auch immer gefreut, dass Sie die Exekutivrolle ausgefüllt haben. Sie regierten nicht einfach irgendwie, verwaltend, niemandem auf die Füsse tretend, nein, Sie nahmen das Telefon in die Hand und riefen Putin an oder sogar Lukaschenko, Erdogan und wohl Macron. Sie handelten und intervenierten. Und Sie sagten dann einfach und klar, so nicht, mein Herr. Es gab ein Pessebild, wo Sie auf Trump einreden wie auf eine kranke Kuh. Das liess mich schmunzeln, obwohl solche Momente so gar nichts Lustiges haben. Denn davon können Menschenleben abhängen…

Ich habe eine Biografie über Sie gelesen; leider weiss ich nicht mal mehr die Autorin oder den Autor. Sie hat mich nicht sehr überzeugt, aber überzeugt haben mich zwei Dinge: Ihre klare ethische Verankerung. Das ist so wichtig, wenn man in die Politik geht. Man ist sonst ohne Boden. Und Ihre Intelligenz, auch etwas, was man so sehr den Männern und Frauen in der Politik wünscht. Das heisst nicht Schulwissen und gescheite Reden, sondern die Fähigkeit, zu analysieren, abzuwägen, kluge Entscheide zu treffen und die stehen oft gegen den Zeitgeist.

Manchmal habe ich mich gefragt, ob Ihr Grundstudium der Physik Ihnen einen besonderen Zugang zu den Kräften und Gegenkräften in der politischen Arbeit ermöglicht hat. Ich bin keine Physikfachfrau, eher im Gegenteil, dennoch erinnere ich mich, wie ich in der Schule z.B. das Kräfteparallelogramm einfach bestaunen musste. Es gibt also Dinge, die sind einfach so, da lässt sich nichts herumdeuteln oder verleugnen. Manchmal wünschte ich mir diese Sicherheit in der politischen Arbeit. Gerade bei der Flüchtlingskrise 2015 hat mir Ihre klare Position gezeigt: Sie sahen die Kräfte und die Gegenkräfte und bezogen Position. Leider die Gegner auch.

Natürlich war ich auch kritisch. Die Waffenexporte Deutschlands in alle Richtungen irritierten mich. Ehrlich, ich fand das nach der Geschichte des 20. Jahrhunderts als schlicht unmoralisch. Dorothee Sölle, Ihre Landsfrau, die Sie sicher auch gekannt und gehört hatten, sagte es deutlich: Waffenherstellung und Waffenexport ist die Tod-Sünde unserer Zeit! Wer um Himmels willen, meint denn im Hindukusch müssen deutsche Soldaten stehen? Warum besuchten Sie diese? Warum nicht die Mütter der Getöteten, warum nicht die Frauen und Kinder der Heimkehrer, die sie erschrecken, weil sie so verstört und kaputt sind? Es sollen sogar noch grosszügige Waffenlieferungen in den letzten Tagen Ihrer Amtszeit gegeben haben. Warum nur, Angela Merkel? Ich verstehe das nicht. –wer kann denn den Wahnsinn stoppen, wenn nicht beherzte Frauen mit Macht?

Dass der Abschied dann mit militärischem Tamtam vollzogen wurde, gehört offenbar zur deutschen Kultur. Ich kann damit nichts anfangen und bekomme immer Hühnerhaut, wenn ich diese Aufmärsche sehe und höre. Aber Ihre Rede war dann so, dass ich das Drumrum vergessen konnte: schlicht, klug und – falls dieses Wort heute noch gebraucht werden darf – demütig.

Ein Punkt war ja auch immer wieder erwähnt: sie sind nicht eitel. Für Klatschspalten Journis waren Sie zum Verzweifeln. Sie gaben einfach nichts her, keine Skandale, keine kompromittierenden Fotos, keine missverständlichen Gesten – sogar an Ihrer Kleidung war nichts zu kritteln. Sie kamen korrekt daher in schwarzer Hose und einem Blazer; über die Farbe konnte man allenfalls noch schimpfen oder sich freuen. Wie schön, Sie gaben so etwas wie eine elegante Uniform ohne uni form zu sein. Das tut uns Frauen gut.

Liebe Angela Merkel, wie sehr wünsche ich Ihnen, dass Sie sich erholen. Das meint mehr als ausruhen und einen neuen Rhythmus finden, ich weiss. Es heisst, Abschied nehmen von Rollen und wieder oder noch mehr sich selbst werden. Das ist ein grosses Geschenk, wenn man dazu noch gesund und fit genug ist nach allem. Und man redet nicht oft darüber, aber ich weiss, ich wünsche Ihnen, dass ihr Mann und Sie ein gutes Leben haben. Er, da bin ich überzeugt, hat das gut gemacht, ohne Pirouetten, hoffentlich sie stützend und begleitend; das ist in der heutigen Welt ein Wunder.

Liebe Angela Merkel, dieser Brief wird Sie nicht erreichen. Er bleibt „nicht versandt“. Es steht mir auch nicht zu, Sie zu interpretieren aber es war mir wichtig, ihn zu schreiben. Es ist eine Form, mich bei Ihnen, Ihrem Mann zu bedanken. Bleiben Sie gesund!

Brief an meine ungeborenen Urenkel

Was ihr wohl im Jahre 2050 über uns denken werdet?
Über unser Verhalten in der Pandemie?

Erschienen im Magazin vom Tagesanzeiger.
Hier der ganze Artikel vom 9. Oktober 2021

Die Cahiers 4 und 5 sind da

Corona bedingt ist die Lancierung von Cahier 4 zurückgestellt worden. Jetzt ist es da:
Mona Lisa zeigt die Zähne und andere Ungeheuerlichkeiten
Kurzgeschichten zum Schmunzeln und sich Wundern

Cahier 5 ist das letzte in dieser Reihe
Ich wundere mich und lerne/ Briefwechsel gegen den Ermüdungsbruch

Besinnliche Texte zur Zeit

Bis Ende März 2022 sind die Cahiers je zu Fr. 15.- resp. beide neuen zusammen zu Fr. 25.- zu beziehen.

Bestellen bitte per Mail: monika.stocker@datacomm.ch

Wenn Sie eine Lesung oder ein Referat planen, zu dem Sie mich einladen möchten, bin ich für sehr frühzeitige Terminsuche dankbar: Kontakt per Mail

A G E N D A

Schräge Geschichten für schräge Zeiten
Lesung mit Monika Stocker
Sonntag, 6. Februar  17h
mit Covid-Zertifikat
Casa piccola, Neuhofstrasse 27 in Dübendorf
(300 Meter vom Bahnhof )

Zürich von unten, Geschichte und Geschichten,
Donnerstag, 1430h, Pfarrei Dreikönigen, Zürich Enge

Zürich, einmal anders
Donnerstag, 5. Mai, 17h, Frauenstammtisch, Zürich Unterland

Bücherverkauf

MITTENDRIN

Fünf Jahrzehnte Sozialarbeit 1968-2018,
ein Lesebuch mit Geschichte und Geschichten
Atelier Monika Stocker, 220 Seiten, Hardcover
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Alles hat seine Zeit

ein Lesebuch zur Hochaltrigkeit
tvz Theologischer Verlag Zürich, 2015, 128 Seiten, Paperback mit zahlreichen schwarz-weissen und farbigen Illustrationen
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