September-Geschichte

Helena

Peinlich, so peinlich. Sie spürt Panik. Warum zum Teufel ist denn das so schwierig? Sie hat diesen Stoff schon Dutzende Male referiert, geschrieben, erklärt. Heute geht es nicht. Nichts geht. Sie hört sich zwar reden und weiss doch nicht, was sie sagt. Die Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer schauen sie an wie einen Zombie; vielleicht ist sie es ja. Der eine da vorn hat ein Pokerface, das sie nicht erträgt. Und jene jungen Girls, die die Nagelfeile hervornehmen statt die Präsentation zu verfolgen, und das permanente Handys schauen und SMS Geklingel, sind zum Verrückt werden.

Helena will grad losschreien, da läutet das Telefon. Sie erwacht. Ach, es war also nur ein Traum, ein Alptraum. Er kommt in letzter Zeit oft Ihre Freundin Eva fragt, ob sie am Abend, 19 Uhr zu Spaghetti komme, sie frage noch weitere an. „Oh, ein Paarabend mit Überbleibsel?“ fragt Helena etwas böse. „Nein, ein reiner Mädelabend, bring einen Wein mit!“ Sie sagt zu.

Helena muss sich zurecht finden. Heute ist Sonntag, schon 930 Uhr, heute sind also nur Vorbereitungen zu treffen, kein Auftritt, gut so; sie kann es langsam angehen. Frühstücken, Zeitungen nachlesen, mal in die Mails gucken. Ein kurzer Blick in den Plan der kommenden Woche nennt fünf Termine, drei sind die Sitzungen für das neue Projekt, das sie leiten soll, halt je mit den einzelnen Projektgruppen, die sie zusammengestellt und für den Kick off eingeladen hat, dann die Moderation am Dienstagabend und schliesslich der Kurstag am Freitag. Also alles nicht sehr belastend, praktisch fertig vorbereitet. Helena kocht sich den gesunden Tee, zieht einen Homedress an, legt sich in den absolut bequemen Stuhl und ist glücklich. Frei, Zeit, Ruhe.

Fünfzig, schön, Vieles erlebt, Einiges erreicht, Vieles abgeschlossen und erledigt, und jetzt? Sie ist das, was man erfolgreich nennt, hat fachlich einen guten Ruf, einen Kundinnen- und Kundenkreis, ist gefragt und mit der Teilzeitanstellung dazu, ist auch das Einkommen völlig okay. Ihr Ex muss nichts mehr bezahlen, ist ja klar, und Kinder haben sie – leider oder zum Glück, das weiss sie bis heute nicht – keine. Auch ihr Freundinnenkreis ist verlässlich, lustig, und trägt. Alles bestens. Und heute hat sie frei.

Die Gedanken machen aber nicht frei, irgendwo dreht das Rad und es knirscht. Eine latente Unzufriedenheit und ein bisschen Angst irgendwo im Magen und ein wenig Herzklopfen und -ziehen, vielleicht sogar mehr. Sie ist doch keine Hypochonderin. Sie zwingt sich, glücklich zu sein. Verdammt, geht nicht. Was zum Kuckuck ist denn eigentlich los. Sie hat wunderbare Stunden vor sich und dreht im Hamsterrad. Das ist neu.

Aha, was würde sie einer Kundin sagen: lass es zu, genau. Das sagen doch die Coaches immer; es will etwas von dir, dir etwas sagen. Sie kennt die Texte perfekt. Und der zweite Schritt ist ebenfalls auswendig gelernt: wie sind deine Phantasien? Was ist deine Vision? Im schlimmsten Fall, im besten Fall usw. Sie kennt das Repertoire. Laut sagt sie: „Scheiss drauf“ und muss über sich selbst lachen.

Helena kann es ja mal mit sich selbst versuchen!!! Sie setzt sich gerade hin, holt Block und Stift und sagt sich: so: Sie sind fünfzig, haben viel erreicht und noch fünfzehn Berufsjahre vor sich, im selbständigen Bereich wohl noch ein paar Jahre länger, denn die Rente wird nicht gross sein. Aber: Selbstberatung ist keine gute Sache, wenn schon, dann muss es eine Gruppe sein, referiert sie sich selbst. Ob sie heute Abend mal nachfragen soll, ob die andern auch so Gedanken haben, dann könnten sie doch zusammen… Helena schreit sich an: du lernst es nie! Du bist für dich verantwortlich, musst nicht gleich die ganze Crew und schon gar nicht alle Beziehungen professionell leben.

Genau daran waren ihre Männer Beziehungen gescheitert, immer wieder. Sie durchschaute zu schnell, spürte zu viel: sie sah im gut betuchten Personalchef den Mustersohn, der es dem Vater noch heute recht machen will, sah im Sportcrack, der sein eigenes Fitnessstudio auftun will das Büebli, das damals bis zuletzt nicht für die Völkerballmannschaft ausgewählt wurde, sah im intellektuellen Schwerenöter, der trotz vieler Papiere einfach keine Anstellung findet, den Bruder, der auf die praktische Lebenstüchtigkeit der Schwester setzt usw. Sie war unfähig, nicht zu interpretieren und zu reflektieren. Das ist eine Behinderung. Sie weiss es, kommt in sozialen und psychologischen Beraterberufen nur zu häufig vor. Irgendeinmal hat sie sich eingestanden, dass ihre Empathie auch ein Vehikel ist für ihren Erfolg. Sich einfühlen, mit fühlen, Ecken und Kanten mitbedenken, das ist ja hilfreich. Sie hat oft Feedback bekommen, dass sie die erste gewesen sei, die… oder dass sie ihn oder sie bestärkt habe im… und dass man jetzt freier sei, mehr Energie habe und andere schöne Sätze. Das tat ihr gut, ohne Zweifel, das liebt sie an ihrem Beruf. Das baut sie auch auf, wenn es dann wieder ätzende Kommentare gibt. Die bleiben ja auch nicht aus. Dafür gibt es zu viele, die nie nie nie etwas an sich selbst ändern wollen. Narzissten halt, davon ist die Welt voll. Zum Glück hat sie ihre Fähigkeit immer professionell unter Kontrolle, fast immer. Nur zwei Mal hat sie es verpasst: als der dicke Kerl schnaufend vor ihr stand und zu einer Rede angehoben hat, meinte sie: oh, Sie leiden wohl darunter, dass Sie so klein sind. Und beim zweiten Mal hat der schleimige Kerl mit seiner depressiv-aggressiven Art ihren Adrenalin Spiegel derart strapaziert, dass sie es aussprach: wissen Sie, Männer in rosa Hemden, das geht gar nicht. Beide hatten sich dann, als es möglich wurde, gerächt. Helena schlummert über all den Gedanken ein, traumlos.

Als sie aufwacht, ist schon früher Nachmittag, ein Espresso ist dringend und sie fühlt sich gut, erholt und munter. Ha, das wäre ja gelacht, wenn sie den Nachmittag nicht geniessen könnte. –Dusche, sich zurecht machen und ans Pult sitzen, surfen zum Thema „Sich neu orientieren in der Lebensmitte“. Sie will sich überraschen lassen.

Ein Wort fällt ihr auf: palliative Care, natürlich, die Altersstruktur, die Pandemie, die Fortschritte der Medizin, die nicht nur befreiend sondern auch belastend sind. Helena landet bei einer Website, wo Psychologinnen und Psychologen gesucht werden, die gemeinsam mit Pflegefachleuten eine Fortbildung gestalten und als Pilot in selbstorientiertem Lernen absolvieren möchten.

Das ist es. Ganz ruhig und klar, steht diese Gewissheit auf ihrem Laptop. Hier gehöre ich hin. Sie liest die Bedingungen, der Zeithorizont ist ehrgeizig, aber es wird zu schaffen sein. Helena füllt die Anmeldung aus. Sie hört die Stimme, wie sie es immer ihren Ratsuchenden empfiehlt: mal drüber schlafen, durchatmen, nicht drein schiessen. Sie drückt lächelnd auf senden. Ein guter Sonntag.

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© Copyright Monika Stocker