Oktober-Geschichte

Walter

Er würde heute nicht wie üblich nach Hause gehen. Man sollte ihm nicht nachsagen können, er sei ohne Phantasie, und zwanghaft schon gar nicht. Er setzte sich ins Tram und fuhr zur Endstation und schon war er im Grünen. Das war der Vorteil seines Wohnortes. Aber er nutzte ihn nie, bis eben. Also im grünen. Und jetzt? Was nur fanden die Menschen immer so an der Natur. Gut, er wollte sie erforschen und geniessen. Ja, das sagen sie doch immer. Oh, ich habe den Abend am See genossen, wie schön war es auf dem Hausberg, wie kühl im Wald. Er ging weiter, weg von der Stadt, hinaus ins immer Grünere. Er musste sich zwingen, einen andern Schritt einzulegen. Er durfte nicht mehr den Stadtgang drin haben. Schon jetzt schauen ihm die Leute nach, meinen vielleicht, er sei auf der Flucht.

Das ist er ja auch, aber man braucht es ihm nicht anzusehen. Er flüchtet vor der Normalität, seiner Normalität, die die andern für eine Katastrophe hielten. Immer nur Arbeit, keine Familie, kaum Freunde, viel Geld, das war schon mal etwas, Bekanntschaften, gewisse Beziehungen konnte man ja auch kaufen. Aber die Zeit, sie war eigentlich überflüssig. Es sei denn zum Arbeiten und ja, ab und zu zum Schlafen.

Schon wieder Montag, seufzten sie am Montagmorgen, wenn sie kamen mit ihren Erlebnissen vom Wochenende, von Skifahren, vom Schwimmen, auch etwa vom Besuch bei der Schwiegermutter. Und sie strahlten etwas aus, was Walter nervte. Wenn sie ihn fragten, wie sein Wochenende gewesen war, so lächelte er. Danke, gut. Mehr sagte er nie. Er hätte auch nicht mehr zu sagen gehabt.

Nun war er also in diesem Grün, von dem sie so redeten, als ob da ein besonderer Schatz vergraben sei, etwas, was reicher mache, auch ihn. Er setzte sich schliesslich auf eine Bank. Der See blinkte in allen Farben. Die Sonne würde gleich untergehen. Ja, das war schön, aber was noch? Sich deswegen aus dem Tramp bringen lassen? Es würde bald kühler werden, eine Erkältung konnte er sich nicht leisten. Er stand auf, ging zurück, setzte sich ins Tram und fuhr in die Nähe seines Wohnortes. Plötzlich wurde ihm schwindlig. Aha, er hatte nichts mehr gegessen seit Stunden, auch das schien ihm manchmal überflüssig. Aber jetzt ging er in ein Lokal, bestellte sich ein Glas Wein und eine Pizza, dann noch einen Espresso und fand sich im Wohnzimmer wieder. Schwindlig war ihm nicht mehr. Aber der Magen drückte, er hatte zu schnell gegessen. Er machte alles zu schnell. Er lebte zu schnell. Jetzt war er 45 und mehr würde wohl nicht mehr drin liegen in seinem Leben. Er würde kaum Direktor werden, mit seiner jetzigen Karrieresprosse muss er sich begnügen. Nicht wegen seiner Leistung, nicht wegen seines Fleisses und seines Einsatzes, sondern wegen seines Charakters. Man mochte ihn nicht. Er war nie drin, immer am Rand und niemand, weder die wenigen übern ihm noch seine Untergebenen wussten, wer er war. Er auch nicht.

Er stellte den Fernseher an, die Zeitung las er am morgen früh. Dann erst konnte er entscheiden, wie sein Tag werden kann. Und am Abend der Fernseher, mit ihm ging er in die Nacht, einigermassen beruhigt oder total unruhig. Ändern konnte er ja nichts. So war es, das Leben, fremdbestimmt.

 

Wie er sich nervte über diese jungen Dinger, Mädchen, Frauen, was wusste er schon. Sie waren charmant, vielleicht. Er kannte diese Kategorien nicht. Er fragte sich einfach, was die alle in dieser Bank denn wirklich arbeiten? Oder waren sie Dekoration? Für die Kunden, für die andern Männer wie er? Er mochte es nicht, wenn sie lachten und kicherten und in der Kaffeeküche manchmal lauthals und herzlich lachten. Das traf ihn immer. Ob sie über ihn lachen?

Es gab auch ältere Frauen. Auch die sahen noch ganz passabel aus. Sie arbeiteten wohl auch etwas wirklich Nützliches. Er konnte das nicht verstehen, denn er hörte, dass einige von ihren Kindern ja sogar schon von ihren Enkelkindern redeten. Das nervte. Wer Kinder hat, soll bei denen sein.

Zu sehr erinnerte er sich an die frühen Morgen, wo ihn seine Mutter aus dem Bett holte, ihn antrieb vorwärts zu machen, sonst kämen sie zu spät in die Krippe und sie dann zu spät zur Arbeit. Immerhin vergass sie nie zu erwähnen, dass sie ja für ihn arbeiten gehe. Das machte es aber nicht einfacher. Er fühlte sich für sie auf eine komische Art verantwortlich wie sie sich für ihn. Und dabei wollte er nur bei ihr sein und bleiben. Und die Tür zur Krippe hatte er noch genau in Erinnerung. Kleine Häschen waren auf sie gemalt. Das machte doch gar nichts besser. Er verlangsamte immer den Schritt, jammerte, er habe Bauchschmerzen, was er ja auch hatte. Aber die Mutter zog ihn weiter, manchmal liebevoll und zärtlich zuredend, manchmal genervt und schimpfend. Ein Drama, Morgen für Morgen..

Und jetzt schwirrten diese Frauen im Gebäude umher und dachten wohl keinen Moment an die Kinder, die sich weinend hinter Mänteln in der Garderobe der Krippe verbargen, wie er es immer getan hatte. Sie kümmerten sich einfach einen Dreck um ihn, äh um die Kinder.

Walter holte sich einen Kaffee. Dass sie ihn auch freundlich grüssten und sogar mal fragten, wie geht es? Das nervte ihn auch. Ein kurzes Kopfnicken und mit dem Kaffee Becher verschwinden hinter die Dossiers, hinter den Computer.

 

Immer am Dienstag war es besonders schlimm. Schon nach der Dusche schwitzte er wieder. Heute gab es das Meeting der Woche. Da wurden Fälle besprochen, Aufgaben verteilt, man sprach von schwierigen Fällen und überlegte, wie man diesen nervigen Kunden trotz allem gerecht werden könnte. Er schwieg wenn immer möglich. Er wusste, er lief rot an, wenn er reden musste, in der Gruppe sowieso. Man wusste es auch und vermied es. Sein direkter Vorgesetzter hat ihn im Mitarbeiterbeurteilungsgespräch – ein Alptraum – darauf angesprochen. Und er musste aufpassen, dass er nicht zu weinen anfing. Der Chef meinte, ob er mal eine Serie Supervision beziehen möchte, die stünde jedem Mitarbeiter auf seiner Ebene zu. Da könnte man auch das Potenzial noch ausloten. In ihm stecke doch sicher noch mehr. Walter hat etwas von privaten Belastungen gesprochen, im Moment läge für ihn nicht mehr drin. Der Chef hat notiert, dass er nächstes Jahr wieder darauf zurückkommen wolle. Walter verdrängte diese Aussicht. Nächstes Jahr!

Er hatte noch nie eine Frau im Arm gehabt. Warum kam ihm das gerade jetzt in den Sinn? Er wusste nicht, was er mit ihr hätte machen sollen und auch nicht, wie es dazu hätte kommen sollen. Er wich diesen Wesen aus und sie zunehmend auch ihm. Das war schon immer so. Und es war doch gut so.

Walter schlief schlecht. Die Autostrasse nervte ihn. Sie war ja ein Zubringer aber offenbar liess sich die halbe Welt nachts zubringen, gerade vor seinem Fenster. Zudem hatte er Durst. Diese blöde Pizza. Und dann wollte er ja auf keinen Fall verschlafen. Fitnesstraining war immer vor der Arbeit. Er wollte danach duschen. Niemand soll ihm Schweissgeruch nachsagen. Er brauchte das Ritual. Atemlos in die Kleider, das geht nicht. Sein Puls musste wieder die gewohnte Frequenz angeben auf dem Messgerät. Erst dann konnte er entscheiden, welche Krawatte heute die richtige war. Irgendwann muss er doch eingeschlafen sein. Um viertel vor sechs stieg er in seinen Jogginganzug und rannte los, halb sieben war er unter der Dusche, einen Kaffee gab es dann um 7 Uhr im Büro. Es war schön, der erste zu sein. Man weiss dann, dass das auffallen wird und man ist ein bisschen im Vorteil. Übrigens, heute nahm er die blaue Krawatte, deren etwas gewagtere rote Streifen schräg angeordnet waren und sie zu einer besonderen machten.

Es war kühl. Walter mochte das. Das gab auch einen kühlen Kopf. So konnte er starten. Er hatte gestern Abend alles so bereit gelegt, dass er gleich loslegen konnte, sogar der Bleistift war schon gespitzt. Den Computer schaltete er immer erst ein, wenn jemand anderer schon angekommen war. Er wollte nicht der sein, der eine Panne entdeckte. Das hätte ihn in Verlegenheit gebracht.

Die Kaffeepause war ihm peinlich. Das Gerede dort verwirrte ihn und er spürte deutlich, dass man nicht mit ihm sprach. Über ihn auch nicht, das schon nicht. Aber er blieb fremd. So holte er sich meist vor der üblichen Zeit – man hatte diese vereinbart, damit die Leute auch informell etwas miteinander in Kontakt kamen – und trank ihn an seinem Arbeitsplatz. Wenn jemand – zwar immer seltener – mal meinte: Walter komm doch auch – schüttelte er bedauernd die Schulter. Zuviel Arbeit war das Signal. Das respektierte man.

Die Mittagszeit war flexibel. Wenn man sich nicht verabredete, so ging und kam jeder und jede, wie es halt so passte. Walter war das recht. Meist machte er eine Runde um den Block, holte im Take away ein Sandwich, im Winter auch mal eine Suppe im Kartonbecher und sass schon wieder an seinem Tisch.

Nie im Leben redete er mit jemandem über einen andern heiklen Punkt. Es war für ihn grauenhaft, auf die Toilette gehen zu müssen, wenn jemand in der Nähe war. Dann wusch er sich nur die Hände und lauerte bis alles frei war. Schon immer war das so. Diese menschlichen Geräusche und Gerüche brachten ihn in Panik.

Walter mochte eigentlich die Wochenenden. Am Samstag fühlte es sich irgendwie erwachsen. Einkaufen, die Wäsche in den Waschsalon, die Hemden bringen, die der letzten Woche holen, ein wenig einkaufen, staubsaugen, zum Haareschneiden. Vier Uhr und viel geschafft. Das waren ein Bier wert, eine Wurst und ein Bürli. So war es jahrelang zu Hause gewesen. Man hatte am Samstag gearbeitet, im Garten, im Haushalt, war einkaufen und Auto waschen – er musste lächeln, wer wusch heute noch sein Auto selber - und dann gab es Zvieri. Diese besondere Mahlzeit, die es sonst nie gab in der Familie. Jeder konnte dann am Abend tun, was er wollte. Nur mit der Schwester hatte die Mutter immer Zoff. Ein Mädchen geht nicht allein aus, aber mit den andern Mädchen auch nicht und erst recht nicht mit irgendwelchen jungen Männern. Und er, der Bruder nahm sie ganz sicher nicht mit, er ging ja nie aus. Das war immer das gleiche. Am Schluss heulte die Schwester und ging mit Freundinnen weg. Die Mutter schrie ihr nach: um 23 Uhr bist du zu hause. Das klappte nie.

Der Sonntag war irgendwie feierlich. Er zog sich korrekt an und ging um 10 Uhr in die Kirche. Irgendwie mochte er dieses Ritual. Er mochte die Gesänge, er mochte das Orgelspiel. Der Pfarrer war ihm nicht wichtig und was er predigte auch nicht. Und die Leute neben, vorn und hinter ihm waren ihm schon zu viel, zu nah. Aber eine Stunde, das war auszuhalten. Ein schöner Sonntag, warm aber noch nicht heiss. Er spazierte hinunter in die Stadt, dem Fluss entlang bis zum Kloster vor der Stadt.

Es war gerade Mittag geworden und für einmal hatte er Lust, richtig zu Mittag zu essen. Er konnte ja nicht immer nur Pizza und Sandwiches essen. So ging er ins Restaurant, setzte sich an einen weiss gedeckten Tisch und bestellte ein richtiges Mahl mit Gemüse und Salat und sogar einem Wein. Es schmeckte ihm.

Wieder zu Hause war der Tag noch lange nicht zu Ende. Es war ihm nach nichts und die Sonntagnachmittag Trauer, die er schon als Kind gekannt hatte, kroch hervor. So ab vier Uhr nachmittags war etwas vorbei, unwiederbringlich und der Alltag der neuen Woche war noch nicht da. Also: einfach Leere. Das war ein dunkles Wort. Er möchte es nicht. Er wusste, dass dort Gespenster hocken und Unruhe und Scham und Versagen und auch Ängste.

Das war die Zeit für das Fernsehen. Egal, was da gesendet wurde, man war nicht allein. Man konnte immer Sport sehen oder eine Kindersendung oder eine Talkshow. Das könnte er nie, im Fernsehen reden. Wie kann man nur.

Es kochte sich Tee in der Küche, hatte gestern noch Kuchen gekauft. Das reichte. Bald wird er ins Bett gehen können.

Walter hat den Schwung des Wochenendes ins Büro mitgenommen. Er grüsste freundlicher als auch schon, redete ein bisschen am Kaffeeautomaten, bevor er sich wieder hinter seinen Computer setzte. Kaum aufgeschaltet, fuhr ihm der Schreck in die Glieder. Es gab eine Umfrage seines Chefs, wer wann zum Mitarbeiterbeurteilungsgespräch kommen wolle. Er hatte vier Zeitfenster für die sieben ihm direkt unterstellten Mitarbeiter eröffnet. Man konnte, ja man musste sich irgendwo eintragen. Walter brach der Schweiss aus. Er hasste das, er wusste doch wie es laufen würde. Der Chef würde ihn nach Perspektiven und Entwicklungspotenzial fragen, nach Weiterbildungswünschen usw. und wahrscheinlich war er durchschnittlich zufrieden mit ihm. Das B halt wie immer. Walter aber wollte keine Veränderungen. Herrgottnochmal, warum konnte man nicht einfach in Ruhe gelassen werden.

Er holte sich gleich nochmals einen Kaffee und trug sich dann ein. Am nächsten Freitag von 10-12h Uhr. Dann hatte er über das kommende Wochenende Zeit, sich abzureagieren und sich wieder einzumitten. Wenn, ja wenn nicht dieses Mal ein Befehl die Folge sein wird. Es könnte ja auch sein, dass sein Chef ihn für einen Langweiler, einen Sesselkleber hält, den er vielleicht loswerden will. Man hört ja immer so allerlei.

Am Abend musste er eine Runde drehen. Er konnte jetzt nicht einfach nach Hause gehen und allein sein mit seiner Angst. Es war noch mild, er ging zum See, spazierte bis zur Endstation seines Trams und beschloss dann, doch nicht heimzufahren. Er setzt sich in ein Gartenrestaurant, bestellt ein Bier und einen Teller mit Fleisch und Wurst und Brot. Es gelang ihm, den kommenden Freitag zu verdrängen. Schliesslich wurde es doch frisch. Er bezahlte, ging zu seinem Tram und nach Hause.

In den Abendnachrichten wurde gerade wieder eine Restrukturierung zelebriert, wie wenn das die alleinseligmachende Zukunftsperspektive für unser Land wäre. Und die Angst wurde grösser.

Für einmal nahm er eine Tablette, die ihm sein Arzt mal für besondere Spannungszustände gegeben hat. Er hat damals gedacht: ach was, ich doch nicht. Aber jetzt spülte er sie hinunter, legte sich ins Bett und wartete auf die Wirkung. Es dauerte. Schliesslich schlief er ein. Im Traum aber rannte er ununterbrochen von einem Stockwerk ins andere und hatte immer mehr zu tragen als er mit den Armen normalerweise tragen kann. Er verzweifelte zunehmend, die Beine wurden schwer, die Arme auch, das Herz wollte nicht mehr. Er erwachte schweissgebadet. Es war gerade mal vier Uhr in der Früh. Scheisstablette. Er ging in die Küche, trank ein Glas Milch und legte wich wieder ins Bett. Er wusste, mit Schlaf war es vorbei. Aber was sonst. Jetzt schon Joggen gehen, kam nicht in Frage, er war zu erschöpft vom Traum. Was soll denn das? Soll er sich beim Therapeuten anmelden, den er mal aufgesucht hatte vor Jahren? Vielleicht bekäme er noch einen Termin vor Freitag? Um was zu besprechen? Dass er eine Scheissangst hatte vor allem und jedem?

Walter war krank. Er fühlte sich elend, konnte nichts mehr essen, trank literweise Mineralwasser – er hatte schliesslich gelesen, wie wichtig, die Flüssigkeitszufuhr sei, kam sich dabei aber wie ein Ballon vor, der demnächst platzt. Er schlich durch die Stunden im Büro und war nicht arbeitsfähig. Zuhause legte er sich aufs Sofa und wollte nie mehr aufwachen oder nach draussen gehen oder überhaupt. Was zum Teufel war nur mit ihm los. Er war ein erwachsener Mann, hatte studiert, war arbeitsfähig seit Abschluss des Studiums, ja er war ein Einzelgänger, seit dem Tod der Mutter wohnt er allein. Da er aus dem Quartier ausgezogen ist, hat er kaum Nachbarn, die er kennt. Er hat keinen Kontakt zu den Alumni, obwohl sie ihm immer ihre Einladungen schicken für Treffen, Vorträge, gesellige Anlässe, Ausstellungen. Eigentlich interessant. Und er hatte keine Freunde. Es wäre gut, jetzt jemanden zu haben, der mit ihm ein Bier trinkt und ihm den Kopf zurechtstutzt. Was würde er sagen? Das, was Walter sich schon selbst sagt: „sei doch keine Memme, du machst doch nicht in die Hose vor einem Mitarbeiterbeurteilungsgespräch, Herrgottnochmal“. Und da es diesen Freund nicht gibt, sagt er es sich selbst. Und redet mit ehemaligen wichtigen Bezugspersonen. Seine Mutter meinte: wenn du Angst vor jemandem hast, stell ihn dir im Pyjama vor. Dann werden alle gewöhnlich. Er musste lächeln, helfen tat es nicht. Ein Lehrer, der ihn möchte, meinte mal: „Walter schau in den Spiegel und sag dir alle Schande, dann aber auch alle deine guten Eigenschaften“. Auch das half nichts. Sollte er sich betrinken? Aber mit nichts im Magen würde der Kater ihn tatsächlich ausser Gefecht setzen wohl für mehr als einen Tag.

Er meldete sich am Donnerstag krank. Er packte seinen Rucksack mit Wasser und einer Regenjacke und ging zum Bahnhof, nein nicht in der City. Dort könnte ihn ja jemand sehen. Er ging auf den S Bahn Bahnhof und fuhr in den Jura. Er war schon als Kind häufig dort gewesen. Und dann zog er los, wie ein gehetztes Reh, atemlos und ohne zu sehen, wo er geht und was die Natur ihm anbieten möchte. Schliesslich schwankte er auf eine Bank oben beim Turm und es wurde ihm schwarz vor den Augen. Der Kreislauf streikte, man konnte auch in seinem Alter nicht ohne Nahrung wie ein Idiot herumrennen. Schliesslich beruhigte sich sein Herz und schmerzte nur noch. Soll er sich einen Infarkt holen? Idiot, schimpfte er sich wieder.

Er trank Wasser, blickte in die Runde und wurde ruhiger. So, Walter, sagte er zu sich selbst: was soll der Scheiss? Was willst du denn? Und er stutzte. Vielleicht war das die Frage: vielleicht gar nicht so sehr, was will ich nicht, sondern was will ich eigentlich. Ein neuer Gedanke. Er hängte ihm nach. Er döste ein. Oder hiess das meditative Versenkung oder hiess das Amnesie punktuell oder… Es war fast Mittag, als er sich wieder aufmachte und zum Restaurant hinüber ging, sich ein Bier und ein währschaftes Mittagessen bestellte und es geniessen konnte. Natürlich konnte er nicht alles essen, sein Magen war offenbar schon geschrumpft. Dann wandere er gemächlich hinunter zum Fluss. In der Nähe des Bahnhofs genehmigte er sich einen Kaffee und ein Stück Kuchen, warum denn nicht. Und er betrachtete den Fluss und wurde plötzlich ruhig. Es geht immer weiter, der Fluss geht um die Stadt, dann durch die Auen und dann in den nächsten Fluss und dann irgendwann ins Meer. Er lächelte über sich. Wer ihn hier sitzen sähe und seine Gedanken lesen könnte, der wurde ihn nicht kennen. Walter, dieser Walter?

Er fuhr nach Hause, stellt sich unter die Dusche, legte ein perfektes Outfit bereit für den morgigen Tag und schlief, wie schon lange nicht mehr.

Am Freitag um 10 Uhr ging er zu seinem Chef, setzte sich und sagte ruhig: „ich bin froh, dass Sie gerade jetzt zum Gespräch geladen haben, ich hätte mich sonst selbst für eine Aussprache angemeldet. Ich kündige auf Ende Monat. Ich muss mal den Horizont sehen und neue Weichen stellen. Die Arbeit hier war gut, aber ich will weiterkommen“. Der Chef freute sich: „Endlich, Walter, das hätte ich Ihnen auch vorgeschlagen. Nicht die Kündigung, das tut mir natürlich leid, sondern eine Veränderung innerhalb des Betriebs. Aber sie sind noch jung, ich verstehe, dass Sie weitergehen wollen. Danke für Ihre Offenheit. Ich werde Ihnen gute Empfehlungen mitgeben können“. Und dann kamen dies und das und jenes auf die Gesprächsliste. Walter konnte ruhig und konzentriert mitreden und schliesslich war es besiegelt, Ende Jahr würde er seinen Platz räumen. Er könnte seinen Nachfolger oder seine Nachfolgerin noch zwei, drei Tage einarbeiten, wenn das gewünscht wird. Dann aber ist Schluss.

Der Chef schüttelte ihm herzlich die Hand, klopfte ihm väterlich auf die Schulter und Walter ging zu seinem Arbeitsplatz, fünf Zentimeter grösser als sonst. Er ging mit seinen Kollegen gemeinsam zum Snackstand und erzählte ihnen von seiner Kündigung. Sie waren überrascht aber doch auch nicht zu sehr.

Walter ging nach Feierabend in die Feinkostabteilung des Warenhauses und kaufte sich eine kleine aber hervorragende Flasche Wein und Dinge, die er liebt; er erinnerte sich schnell wieder, was er einst genossen hatte. Er ging damit nach Hause, deckte den Tisch mit Serviette und arrangierte sein opulentes Mahl. Dann stellt er das Klassikradio ein, setzte sich an den Tisch und ass mit hohem Genuss. Er fühlte sich zehn Jahre jünger und lächelte vor sich hin. Was war das denn heute? Darüber konnte er bei einem Espresso und dem feinen Gebäck, das ihn an die Ferien an der Amalfiküste erinnerte, sinnieren.

Er hatte einen Schritt ins Ungewisse getan und fühlte sich gut dabei. Er hatte keine Angst. Zum ersten Mal seit vielen Monaten. Das war es, was ihn so leicht und ja irgendwie glücklich stimmte. Und er war ein freier Mann.

Natürlich holten ihn nachts die Ängste wieder ein. Wie war seine finanzielle Situation? Was, wenn er nie wieder einen Job finden würde? Was soll er denn tun, nach dem letzten Arbeitstag? Aber es war, wie wenn der andere Walter, der den es doch auch noch gab, ihn auslachte und auf die Schulter tippt und sagt: so Alter, jetzt mal langsam. Am Wochenende holte er seine Bankunterlagen hervor. Er holte auch seine Steuererklärung, seine Obligationen, die er von der Mutter übernommen hatte und setzte sich hin, ernsthaft, das wollte er schon bleiben. Am Schluss war er sehr zufrieden. Mit seinem Lebensstil, dieser Wohnung, ohne Auto, könnte er drei Jahre lang einigermassen gut leben. Er würde die AHV weiter bezahlen, er würde die 3. Säule füttern aber mehr an Sicherheit brauchte er nicht. Das war doch schon mal beruhigend. Er versorgte alles wieder gründlich und den andern Walter gleich damit.

Im alten Gewand ging er am Montag wieder zur Arbeit. Er absolvierte die drei Monate der Kündigungsfrist gewissenhaft, informierte die sympathische neue Kollegin, die seine Arbeit übernehmen würde, über alles, was ihn wichtig dünkte. Für den letzten Arbeitstag bestellte er kurz vor Feierabend beim Caterer einen kleinen Apéro für seine Abteilung, sogar sein Chef kam und sagte ein paar launige Worte, dann ging er nachhause. Walter der eine ist vorbei.

Walter hatte für 10 Tage ein Hotel in den Bergen gebucht. Das war mal ein Anfang. Er erinnerte sich schon, wie gern er dort mit seiner Mutter und der Schwester in den Ferien war und wollte mal ausziehen, richtig körperlich tätig sein, spüren, wie die Waden brennen, wenn man hochsteigt und seinem Herzen etwas zumuten, nicht zu viel, denn er war über Jahre nicht trainiert auf die Höhe. Sein Joggen war da kaum Ersatz. Es waren sogar wunderbare Tage, wie wenn das Wetter den neuen Walter begrüssen würde.

Auf einer ziemlich anstrengenden Wanderung kam er so gegen vier auf eine Alp und sah den Älpler und seine Frau, das Wildheu runterfugen und das war nicht ungefährlich. Sie nickten ihm zu und fragten, ob er etwas trinken wolle. „Gern, aber ich will sie nicht aufhalten“. „Ach, trinken müssen wir auch“. Und sie kamen ins Gespräch, zum Most kam dann noch Käse und Brot und ein Wort gab das andere. Am Schluss war deutlich, dass noch eine Woche harte Heu- resp Emdarbeit auf die beiden wartete, bevor sie wieder eine Stufe nach unten ziehen könnten. Spontan fragte Walter, ob er ihnen helfen könne. Er sei zwar Städter, aber Rechen und Saubermachen, das traue er sich zu. Die beiden wunderten sich, aber wundern kann man sich immer. So vereinbarten sie, dass Walter am Samstag, wenn seine Ferien im Hotel beendet sind, zu ihnen hoch kommt, für eine Woche bei ihnen wohnt und Mädchen für alles spielt, so gut es eben geht. Er nimmt auch noch eine Bestellung auf, was er ihnen alles mitbringen soll. Erstaunt war er, dass sie ein dickes deutsches Magazin haben möchten. Man wisse dann ungefähr wieder, was so läuft in der Welt. Fernsehen gebe es hier nicht und der Radio sei auch nicht stubenrein, meinten sie lachend.

Walter geht beschwingt ins Tal und wundert sich über sich. Am Samstag holt er am Kiosk das Gewünschte und noch dies und das, von dem er glaubte, man könnte es über Wochen dann schon mal vermissen, und steigt hoch. Ein Koffer lässt er unten, man braucht für diese Arbeit viel weniger und andere Kleider, die Hemden bleiben unten, T Shirt hat er noch gekauft. Er freut sich und wundert sich schon wieder. Er ist zweimal Walter, der eine wird immer kleiner, der andere immer konkreter in den Konturen. Wohin das noch führen wird? Erst mal auf die hohe Alp.

Am Ende der Woche sitzen die drei zusammen und feiern ihre gemeinsame Woche. Sie hatten es gut zusammen, haben viel gearbeitet und das war für Walter neu. Körperliche Arbeit nicht gewohnt, spürt er Kräfte, von denen er gar nicht wusste, dass er sie hat. Was also anfangen mit dem neuen Leben, mit dem neuen Walter? Er wird erst mal zurückgehen ins alte Leben und schauen, was ihm dort als neuer Mann wiederfahren wird. Der Abschied ist herzlich, sie wollen in Kontakt bleiben und lachend meinen die Älplers: der nächste Sommer kommt bestimmt.

In der Grossen Stadt fühlt sich Walter fremd. Nichts ist mehr wie es einmal war. Die Wohnung ist zu gross und zu kalt. Die Strasse zu laut. Walter ist unruhig, schläft schlecht. Wie war es doch wunderbar, sich auf der Alp ins Bett zu legen und erlöst die Glieder ausbreiten, sich erholen, träumen oder auch nicht, weg zu sein und doch bei sich.

In der Tagesschau zeigen sie – wieder einmal – das Elend der Flüchtlingslager auf der griechischen Insel. Walter geht ins Internet, sucht die Destination, findet eine Mailadresse, schreibt diese an und am andern Morgen schon liest er die Antwort. Ja, sie suchen dringend Freiwillige, vor allem auch Männer, denn es gebe doch auch viel Bauarbeiten für behelfsmässige Winterunterkünfte zu erledigen und die entkräfteten Ankommenden müssten sich zuerst mal erholen. Walter entschliesst sich ohne Zögern. Er versteht sich selber nicht. Er packt nur gerade einen Rucksack, holt ein tüchtiges Bündel Geld auf seiner Bank und bucht den Flug. Er will es wagen. Es ist Spätsommer.

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