Juni-Geschichte

Emil

Emil konnte es kaum mehr aushalten. Während Jahrzehnten war er Berichterstatter gewesen im Nahen Osten. Seine Meinung wurde gehört, seine Berichte wurden oft zu Zeugnissen für das eine oder das andere. Er galt als versierter Kenner, als glaubwürdig, als neutral. Wie auch immer, jetzt war er alt und Junge profilierten sich. Sie berichteten nicht, sie markierten. Sie hatten Favoriten, von denen sie sich nicht nur Streicheleinheiten sondern auch die ultimative Schlagzeile erwarteten und sie hatten Verbindungen auch da, wo es die Fake news als Meterware gab. Das profilierte. Was sich morgen als falsch herausstellt, wen kümmert das denn, wenn er heute wieder zu einer Schlagzeile kommt, die ihm Ruhm einbringt und alles frühere vergessen macht. Wichtig ist nur, im Gespräch zu bleiben, als derjenige bekannt zu sein, um den man nicht herum kommt, wenn man etwas auf sich hält. So soll es bleiben.

Emil hadert mit sich und schimpft. Du bist ein alter Miesepeter. Auch du hast mal angefangen und musstest dich profilieren. Das ist der Lauf auf der Dinge, auch in der Medienwelt. Da noch mehr als je.

Während Jahrzehnten hat er auch Reisen begleitet, politisch-kulturelle in den Nahen Osten. Seine Kontakte, seine Glaubwürdigkeit ermöglichten Wege, die schon längst nicht mehr selbstverständlich waren. Und er glaubte, gewisse Städte wie Jerusalem, Damaskus, Beirut wie seine Westentasche zu kennen. Er wusste um die Lokale, wo es das beste Essen gab, aber auch um die Orte, die „sicher“ waren, so sicher wie es eben möglich ist. Und er wusste um Menschen, denen man trotz allem noch immer vertrauen konnte. Die den arabischen Frühling so skeptisch begleitet haben wie er. Sie wussten, er kam zu früh, die Diktatoren in der 2. Reihe missbrauchten ihn um vorzurücken. Und sie rückten vor und wie.

Emil weinte fast jeden Abend, wenn er die Bilder von Syrien sah. Er schämte sich seiner Tränen nicht. Es war eine so wunder-, wunderschöne Stadt, dieses Damaskus, so stolz, so uneinnehmbar, schien es. Und nun ist sie ausgeliefert mehreren Irren, dem scheinbar noch immer legalen Präsidenten, der sein Volk, sein Land zerstört bis auf den letzten Knochen, der sich kaufen und verkaufen lässt und der nie nie souverän war und sein wird.

Emil erinnert sich an die Gespräche mit ihm, damals, als er noch Hoffnungsträger war, der, der in England studiert hat, dort eine Britin geheiratet hat, die westliche aufgeklärte Kultur kennt und in seinem Heimatland eine glückliche Verbindung zwischen Gewesenem, Gewordenem und Moderne erarbeiten wollte. Er hatte drei Kinder, die zum Teil auch wieder in England studieren. Emil erinnert sich an die Gespräche mit der intelligenten herzlichen Ehefrau. Wie nur hält sie es aus, mit einem permanenten Mörder das Bett zu teilen? Das kann keine Liebe sein oder doch? Abhängigkeit? Geiselhaft?
Er erinnert sich wie beide ihm die ersten beiden Kinder wie alle Eltern der Welt voller Stolz vorgestellt, von der neuen guten Zukunft erzählt haben, die sie für alle Kinder des Landes erreichen werden, während die Gattin beim Abschied verlegen meinte, und Nummer drei wartet auch auf die bessere Welt. Es war schon lange nicht mehr möglich, an die Familie heranzukommen, schon lange konnte man die damaligen Worte nicht mehr verstehen, jetzt, wo Giftgaseinsätze Kinder ermordet, ihre Augen kaputt macht, ihre Atemwege verätzt. Emil kann gar nichts mehr tun in diesem Land. Er hat Einreiseperre, ist persona noch grata.
Er könnte auch nicht mehr hingehen, nicht nur wegen seines Alters, nein, er würde sterben. Das sei emotional, sagt ein Freund. Ja, das ist es!

Emil ist unruhig. Seit Tagen wartet er auf den Bescheid. Zwölf Reisende warten mit ihm, damit sie in ihrer Planung die Termine fixieren können. Es soll ja im Spätsommer sein und da war immer viel los. Emil wird heute nochmals versuchen Kir zu erreichen. Endlich geht dieser ans Handy und nach der obligaten Viertelstunde Präliminarien, bei denen er den Gesundheitszustand aller Tanten und Onkel erfährt. meint Kir: ja, es lässt sich machen. Du weisst schon, es kostet halt, aber ich mach das für dich. Im Klartext, Kir würde die Sicherheitskräfte schmieren, damit Emil mit seiner Reisegruppe durch die Checkpoints kommt. Der Termin wird fixiert mit aller Unsicherheit, die dort Termine so in sich haben.

Emil atmet auf, setzt sich an den PC und schreibt im Rundmail den Angemeldeten, dass es losgehen wird. Er werde nun den Flug buchen und den definitiven Treffpunkt und die Zeit melden.

Emil lehnt sich zurück. Fein, er freut sich. Ein Schatten, sie taucht auf. Das kleine Mädchen, das sie mal war, ist ja grösser geworden. Das letzte Mal war sie schon fast eine Frau. Sie kam scheu in sein Zimmer, schaute ihn mit ihren wunderschönen dunklen Augen an, legte ihre Hand auf seinen Arm und sagte: „Nimm mich mit“. Er war überrascht, gerührt, traurig, zornig, eine brisante Mischung spürte er da in seinem Innern. „Was soll denn das“, fuhr er sie zu barsch an, “du gehörst hierher zu deiner Familie“. Sie schüttelte den Kopf: „Ich will weg, ich muss weg“ Sie schwiegen eine zu lange Minute. „Ich muss sonst hier ins Militär gehen, ich werde verheiratet, ich komme in Ewigkeit nicht raus und ich will raus“. Das sagte sie als Erwachsene, die sie bald sein wird. Emil konnte sie noch trösten, vertrösten. Aber jetzt? Zwei Jahre später? Vielleicht war sie ja schon verheiratet? Das würde alles einfacher machen. Wirklich? Er erinnert den Zettel, den sie ihm in die Jackentasche gesteckt haben muss, als er es nicht bemerkte. Erst zu Hause fand er ihn: Ich warte hier und komme das nächste Mal mit. Ich tue alles, was du willst.

Nun, das wird sich dann schon weisen, schüttelte Emil sein Unbehagen ab. Vielleicht hat sie sich ja vor Ort verliebt, vielleicht hat sie bei einem Verwandten ja eine Perspektive bekommen, vielleicht… Er wusste, das ist Unsinn, du betrügst dich mit solchen Sätzen. Aber tun, tun konnte er nichts.

Emil bereitet weiter die Reise vor, telefoniert, reserviert die Hotels und berichtet seinen speziellen „Freunden“, dass er dann und dann mit einer Gruppe komme und dass sie dann wirklich auf ihn und seine Freunde achtgeben müssen. Es gab tausend Beteuerungen, die einen Pfifferling wert waren oder aber karge Worte, die wie Garantiescheine auf sicher zu werten sind. Er kennt es ja, warum nur dieses Mal diese Unsicherheit, diese Unruhe? Wird er alt?

In der Nacht kommt sie, legt sich zu ihm ins Bett und sagt: ich schau auf dich, wenn du alt bist. Ich kann das. E wacht auf und schaut in den Spiegel. Ich bin alt.
Die Gruppe ist instruiert, die Leute vor Ort auch. Es ist und bleibt ein Wagnis, aber das ist sein Leben, immer wieder, also auch dieses eine Mal noch. Emil freut sich wie ein Kind, er hat Angst wie ein Kind.

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© Copyright Monika Stocker