März-Geschichte

Ingo

Es schien ihm immer deutlicher. So allmählich verschoben sich die Koordinaten. Das sichere System, mit dem er aufgewachsen, in dem er sich ausgebildet und – ja bei aller Bescheidenheit – auch wichtig und gut geworden ist, wurde Monat für Monat kaum merklich verschoben. Schwer auszumachen, ob nach links oder rechts. Nur der Standort veränderte sich. Man gewöhnte sich leicht daran.

Ingo war am Anfang nicht unglücklich: man gab sich nicht mehr die Hand, schon ganz hörte diese Küsserei von fast fremden Menschen auf, was ihm eh zuwider war und der eingeforderte Abstand kam ihm eigentlich auch entgegen. Er war ja oft in Asien unterwegs, wo solche Nähe bei der Dichte von Menschenmassen gar nicht möglich war, ein Paradox, das ihn auch faszinierte. Und jetzt war Distanz auch hier angekommen.

Bei seinen jetzt halt digital gehaltenen Vorlesungen merkte er ab und zu eine Verunsicherung, die ihm früher nie aufgefallen war. Er lehrte die Marktwirtschaft, die freien Spielregeln (auch wieder ein Paradox), er dozierte von den Kräften, die sich quasi selbstverständlich in die richtige Richtung, nämlich zu niedrigem Preis und hoher Qualität entwickelten. Die Studierenden stellten kaum Fragen. Das war auch bei den physischen Seminaren und Debatten an der Hochschule kaum anders gewesen. Sie saugten seine Sentenzen ein und legten sie in ihren Hirnwindungen ab wie Würmer. Sie mussten sie dort ja dann auch wieder abholen und ausspucken können, wenn sie in der Prüfung gefragt waren. Ingo stutzte. Was waren denn das für Bilder, die ihn da plötzlich heimsuchten. Ja, auch dieses Wort bekam jetzt im Homeoffice geradezu eine rührende Bedeutung: heimsuchen – das wäre ja noch schöner!!

Bei der Vorbereitung der nächsten Sequenz wurde er seit Jahren zum ersten Mal wirklich unsicher: kann er das jetzt,  j e t z t  - wirklich so bringen? Er las ja Zeitungen, verfolgte Debatten in den seriösen und weniger seriösen Journalen und Medien: alle rufen sie nach dem starken allwissenden Staat, auch all jene, die noch gestern – ah, es war ja schon vor mehr als einem Jahr – im Brustton der Überzeugung vom Staat als grossem Feind gesprochen haben, der immer den Markt beeinträchtigen wolle. Gerade gestern Abend wurde von einem, der sich als Hüter der Freiheit verstanden haben wollte – und das über Jahre – im Privatsender gerufen: warum kann der Staat denn nicht sagen, wie die Welt im Sommer aussehen wird! Wir, die Wirtschaft, müssen das wissen. Und am Sonntag hatte er in der einschlägigen Zeitung von einem ihm bekannten Militärstrategen gelesen, der sich bitter beklagte, dass seine Strategien, seit Jahren minutiös vorbereitet und in Tausenden von Mannstunden geplant und gelehrt, jetzt einfach hinweggefegt worden seien. Ingo erinnerte sich an die Offiziersschule, wo derselbe, damals noch ein paar Stufen weiter unten in der Hierarche, ein Plädoyer für das situative Führen gehalten hatte. Ingo erinnerte sich fast wörtlich daran, denn genau das hatte er damals verstanden. Die Realität verlangt ein situatives Führen und das ist eine Kunst, die in keinem Lehrbuch niedergeschrieben ist. Es orientiert sich an Intelligenz, klarer Analyse, breiter Meinungs- und Erfahrungsvielfalt und – ja vor Jahrzehnten nannte man es noch so: gesunden Menschenverstand und halt einfach Verantwortung nach bestem Wissen und Gewissen. Die algorithmischen Computersimulationen von heute waren noch unbekannt. Fehlten sie denn wirklich?

Wenn jetzt also eine Regierung sich Meinungen einholt von verschiedener Seite, sich dann aber eine eigene Meinung bildet, ist das dann führungsschwach? Wenn Gremien täglich die Situation anschauen und eben situativ die Akzente setzen, ist sie dann zögerlich? Und wenn man ihr vorwirft, dass sie auf eine globale Katastrophe gar nicht minutiös vorbereitet gewesen sei, ist das dann nicht etwas infantil? Wer war denn das? Ganz sicher nicht die Militärstrategen. Sie verstehen nichts von der Bedrohung des Lebens und herzlich wenig von menschlicher Sicherheit.

Er schlief schlecht. Punkt 915h war der Computer hochgefahren, die Studentinnen und Studenten sassen – hoffentlich – wie erwartet davor und Professor Ingo Materali verkündete: „ich beginne heute mit einer Übung: Sie machen in den nächsten 45 Minuten ein Plädoyer für einen starken Staat. Ich werde drei von Ihnen dann anrufen und bitten, ihr Plädoyer hier vorzutragen. Ich bewerte die Referate, es gibt maximal 15 E Punkte“. Natürlich reklamierte der Computer nicht, aber sicher die jungen Menschen davor. „Ist dem Ingo Materali jetzt Corona in den Kopf gestiegen? Herrgottnochmal: ein starker Staat. Was soll denn das?“

Während der 45 Minuten überlegt Ingo und wählt zwei Studenten aus, die ihm als sehr fleissig und aufgeweckt erschienen sind und eine Studentin, die ihn jeweils eher skeptisch und stumm betrachtet hat. Die ersten zwei referieren, wenig aufregend, brav. Man spürt, sie ärgern sich, gegen ihre Überzeugung argumentieren zu müssen. Die Studentin aber hält ein leidenschaftliches Plädoyer und verlangt, dass – endlich – über das Gemeinwohl und seine absolute Notwendigkeit besser informiert werde, auch an ihrer Hochschule, auch in ihrem Fach. Die Pandemie zeige doch gerade, dass ohne die öffentliche Hand gar nichts gehe, weder das Gesundheitswesen funktioniere noch die soziale Sicherheit. Im anschliessenden Chat geht es hoch hin und her. Die Widersprüche könnten nicht offensichtlicher sein.

Nach der Session verabschieden sich alle für die nächste Woche und Ingo ist ratlos. Was hat er da losgetreten, was macht er jetzt mit all dem Gehörten und wie geht es nächste Woche weiter? Das Curriculum, das er im Verzeichnis vorgestellt hatte, macht eine klare Ansage und er spürt doch, dass er das gar nicht mehr einhalten will. Er hat eine schlaflose Nacht. Jetzt ist er doch tatsächlich ein bestandener Mann, hatte relativ Erfolg, publizierte und war ein gefragter Referent. Und jetzt ratlos? Corona oder was?

Am nächsten Morgen sucht er nach der Mailadresse seines ehemaligen Mentors. Lebt der überhaupt noch? Ein wenig schämt er sich, dass er seit Jahren nie mehr etwas von sich hören liess. Fast scheu schreibt er eine kurze Nachricht. Umgehend kommt die Antwort.“ Hallo Ingo, schön von dir zu hören. Wie geht es dir? Ich höre und lese ab und zu und gehe gern davon aus, dass es dir gut geht und du den erwarteten Erfolg hast.“ Nach einem längeren Spaziergang um den See, dort, wo er als junger Mann einst geträumt hat von einer andern Welt, setzt er sich an den Computer und schreibt, was ihn plötzlich irritiert, erschüttert und er gibt zu: “Ich weiss nicht weiter“. „Ach komm, lass uns morgen am See unseren Rundgang machen. Ich bin langsam, habe einen Rollator, aber mein Kopf ist noch fit“. Ingo sagt zu. Der nächste Tag bringt die beiden zusammen, wie einst vor vielen Jahren.

Nicht dass das ungleich Paar, der alte Mann mit dem Rollator und der mittelalterliche mit der dicken Mappe unter dem Arm, gerade zügig ausschreiten würden an der Seepromenade. Aber an ihrer heftigen Gestik und am offenbar lebhaften Diskurs wird deutlich, dass da gar nichts Betuliches oder Morbides unterwegs ist, sondern Leidenschaft wie vor Jahrzehnten. Der alte Professor ereiferte sich: „Habe ich es euch nicht gesagt, dass das nicht gut kommen kann mit der Globalisierung?. Ein Welthandel ist unökologisch oder sehr sehr teuer. Der Transport kostet unendlich viel, aber den wolltet ihr ja nicht berechnen“. Er redete sich in Rage und musste sich schliesslich trotz noch gar nicht frühlingshaften Temperaturen auf eine Bank setzen. Schliesslich lachte er laut: „Ich alter Esel, ich sollte mich doch freuen, dass ihr es endlich wahrzunehmen scheint; so kann es nicht weitergehen. Späte Freude!“ und der Spaziergang ging weiter.

Bei der nächsten Vorlesung überrascht Ingo Materali erneut: “es ist Zeit für ein neues Kapitel. Ihr seid die kommende Fachgeneration. Ich bitte euch, je ein Szenario zu schreiben zum Thema: 2030: Realwirtschaft, Finanzwirtschaft, Gemeinwohlwirtschaft, Spannungsfeld und Kooperation. Ich erwarte es bis Ende Semeste , je maximal fünf Seiten“. Der Stein war ins Rollen gebracht, der Weg noch offen. Aber irgendetwas hat die Lähmung, das Korsett, in dem die Energien bei Ingo seit mehreren Jahren gebunden waren, überwunden. Und es kamen Papers, die Ingo teils mit Kopfschütteln, teils mit Schmunzeln las. Er stellt sie online und macht den Vorschlag, dass 3-5 Studierende daraus ein Paper machen, das sich als Diskussionspapier in der Fakultät verbreiten lasse. Es werde als Seminararbeit eingestuft.

Im nächsten Semester gab es ein vielbeachtetes Kolloquium zum Paper aus dem Materali Seminar. Assistenten und Professorinnen klickten sich ein und die Publikation, die da in gemeinsamer Arbeit entstand, war ein wichtiger Baustein für einen längst fälligen Systemwechsel im universitären ökonomischen Diskurs.-

Der alte Mentor schreibt das Vorwort zur Publikation, etwas euphorisch schliesst er: „Dass es wirklich so lange gedauert hat, bis wir es begreifen, beschämt mich. Aber ich bin zuversichtlich, jetzt lernen es die jungen. Die kommende Generation wird klug sein, sicher klüger als wir!“

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© Copyright Monika Stocker