September-Geschichte

Rafaele

Es war wie immer. Er stand am Strassenrand und wartete auf den Bus. Er wusste ja, dass es keine Pünktlichkeit gibt in diesem Land. Aber seltsamerweise hatte er gehofft, dieses eine Mal könnte es anders sein. Er hatte zwar genügend Zeit eingeplant für die Reise zum kleinen Flughafen und dann zwei Tage, um von dort wegzukommen in die Hauptstadt. Denn auch Flüge waren eher nach dem Wind gerichtet als nach irgendeinem Plan. Rafaele mahnt sich zur Ruhe. Du hast doch gelernt, dass dein Jähzorn so gar nichts bringt. In all den Jahren hier hast du doch geübt, gelassen und offen zu sein, ob etwas geht oder nicht geht, ob es Fortschritte oder Rückschritte gibt, ob morgen noch gilt, was heute gegolten hat.

Aber jetzt hat ihn eine Unruhe gepackt. Er war gut sechzig und er wusste, wenn ich es jetzt nicht mache, dann werde ich es nicht mehr tun. Der Körper hat seine Kraft verloren, immer wieder das Fieber, da helfen die Medikamente, die er ja aussergewöhnlicher Weise bekommt, nicht mehr gut. Er ist geschwächt und seine Seele, die ist unendlich müde und ja auch resigniert. Und doch ist da noch die Wut, der Zorn, ja auch der Jähzorn. Er wollte, er musste jetzt den Versuch wagen. Auch wenn er mit höchster Wahrscheinlichkeit vergebens sein wird. Er hatte sich bei so mancher Tragödie immer wieder selbst verpflichtet, es zu tun, es mindestens zu versuchen. Er würde so viele seiner Opfer, denen er beigestanden ist, zusätzlich nochmals verraten, wenn er jetzt nicht geht. Er will dort sein, reden, bis ihn jemand hört. Er will nach Rom gehen, in den Vatikan, den Papst sprechen!

Rafaele erinnert sich, wie er als junger Mann die Chance bekam, in die Schule zu gehen und zwar lange, ja sogar zu studieren. Natürlich war es Theologie, etwas anderes war nicht möglich. Die Kirche und die Spenderinnen und Spender überall auf der Welt hatten ja bezahlt. Das war quasi die Gegenleistung. Und sie störte ihn nicht. Er hatte über die Jahre so viele tolle Menschen kennengelernt, Männer und viele Frauen, ohne die Leben, Überleben hier schon gar nicht mehr möglich wäre.

Die Alternative wäre der Kampf mit den Freiheitsleuten gewesen. Das war die andere Option, um Leben und Überleben zu versuchen. Doch das kam für ihn nicht in Frage. Töten und die damit verbundenen Grausamkeiten gehörten nicht in sein Repertoire. War er feige? Vielleicht ja, vielleicht nein. Sicher war nur, dass er die andere Option für sich annahm und in den vielen Jahren und Jahrzehnten stand er ja nur zu oft in beiden Welten. Wenn die erschöpften Kämpfer auftauchten bei ihm, was hätte er anderes tun sollen, als sie aufzunehmen und zu versorgen, ihnen ein paar Tage Ruhe und Versteck zu gewähren und sie dann mit dem, was er entbehren konnte, wieder ziehen zu lassen? Manchmal mussten sie reden, einfach reden bis zu Erschöpfung und was Rafaele da zu hören bekam, wollte er eigentlich gar nicht hören. Von Folter, Gefangennahme, Vergewaltigung, von Ausbeutung, Verrat und Hinterhalten war da die Rede. Es waren Beichten und nachts Schreie im endlich wieder mal gefundenen Schlaf aus der Tiefe auftauchend. Ob darum gebeten oder nicht, Rafaele segnete sie, wenn sie kamen und wenn sie gingen und er bat einen Gott, der eigentlich in all dem gar nicht mehr vorgesehen war, um Verzeihung. Er musste es tun, um nicht selbst verrückt zu werden. 

Genau so verrückt konnte er werden, wenn er durch die Dörfer ging. Da Gewalt, dort ein Massaker, da ein Kind „einfach nicht mehr da“, dort eine Frau, die sich vor ihm versteckt, weil sie sich über die Vergewaltigung schämt, die man ihr angetan hat. Hier eine Totgeburt, dort ein Mutter, die nicht mehr kann. Väter gab es ja oft keine, sie waren auf dem Berg.

Und wenn dann die Horden vorbeifahren und man überlebt hat, was soll man essen? Sie hatten alles mitgenommen, die Schafe, die noch letzte Ziege, die ein bisschen Milch gab und für die kleinen Kinder eine Art Versicherung darstellten, da die Mütter unterernährt und krank schon lange keine Milch mehr hatten. Also dann: wieder anpflanzen - das Saatgut hatten sie schon seit langem an todsicherem Ort versteckt– wieder ein paar Münzen zusammenlegen, um demnächst auf dem weit entfernten Markt eine kleine Ziege oder ein kleines Schaf oder noch besser zwei, ein Pärchen, zu erwerben. Rafaele hatte immer die Münzen bei sich, die er hatte und gab da dazu und dort versprach er, das nächste Mal etwas Geld mitzubringen. Er ging oft weinend am Abend die langen Wege zurück, haderte mit sich, den Menschen, mit Gott und all den satten, reichen, gleichgültigen, korrupten. verfressenen, gierigen… Er wusste, das sind keine christlichen Gedanken, seine Flüche sind nicht stubenrein und falls Gott sich auch in diesem Land aufhalten würde, dann würde er Rafaele mit Stummheit schlagen. Das wäre im Alten Testament geschehen und das neue war ja hier noch gar nicht angekommen. Nichts Erlöstes, nichts Befreiendes, nur Versprechen auf… ja auf was denn?

Jetzt wartet Rafaele schon 11/2 Stunden auf den Bus. Er hat die Wasserflasche schon fast geleert und Hunger, den spürt er, aber er hat gelernt, nicht darauf zu achten. Es bringt ja nichts. Offenbar ist er eingeschlafen und erwacht davon, dass ihn jemand an der Schulter schüttelt: „Padre, willst du etwa mitfahren?“ Es war der Chauffeur, der die zusammengekauerte Gestalt am Strassenrand gerade noch gesehen hatte, bevor er die nächste Kurve nahm. Das war doch… ja, das war der Padre. Rafaele dankt herzlich, steigt ein und schläft gleich weiter. Irgendwann würden sie irgendwo ankommen und die drei anderen Personen im lottrigen Bus haben sich vermummt, als der neue Gast eingestiegen ist. Erst jetzt, wo sie sehen, dass es der Padre war, machen sie ihre Gesichter wieder frei. Rafaele war zwar keiner von ihnen aber er gehörte zu ihnen, immer wieder.

Nach drei Stunden sind sie im Ort mit dem kleinen Flughafen. Rafaele hat weder gemerkt, als die drei Gestalten ausgestiegen noch die zwei Frauen eingestiegen sind. Er hat tief und traumlos geschlafen, wie schon lange nicht mehr. Jetzt ist er hier, dankt dem Chauffeur, der gar keine Münze von ihm will und geht zum Flughafengebäude. Es ist nur eine Baracke aber ein Mann sitzt mit einer Uniformmütze hinter dem Tisch und ist sehr wichtig. „Aha“, meint er, „der Padre, will mal wieder unter Menschen“. „Ja, und sogar weit und viele Menschen will ich treffen. Wann komme ich dann von hier weg?“ „Voraussichtlich morgen Abend. Mindestens ist mir das gesagt worden. Wenn du willst, kannst du hier hinten auf der Matratze schlafen“. Rafaele ist gern einverstanden. Und offenbar gibt es selbst hier so etwas wie Öffnungszeiten. Der Uniformmensch kommt bei der ersten Dunkelheit zu Rafaele und bringt Mais und Gemüse und Wasser und ja, eine kleine Flasche Schnaps. Das wird ein guter, ein langer Abend.

Rafaele träumt nach den vielen Schnapsgläsern von Rom, dort ist er im Vatikan und sagt dem Papst und den andern klipp und klar die Meinung und… Er erwacht, es ist noch nicht Spätsommer.

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© Copyright Monika Stocker