Dezember-Geschichte

Renate

Renate müsste eigentlich resignieren. Sie war alt. Die Gelenke schmerzen und die Diagnose lautet eindeutig: es wird nicht besser werden, man kann das Verschlimmern stoppen mit Medikamenten und mit Bewegung, aber gerade die geht ja nicht mehr. Also: sie wusste es, sie war ja Fachfrau: der Teufelskreis des Alters hatte sie eingeholt und deshalb ist jetzt Bilanz zu ziehen. Sie hatte ein reiches erfülltes Leben. Eigentlich war sie zufrieden. Und dennoch, sie war und blieb neugierig auf das, was noch kommen mag. Auch wenn sie sehr wohl wusste, dass das nicht Honigschlecken werden würde. Sie wollte noch eine Runde bleiben.

Mit der sehr vernünftigen und empathischen Ärztin machte sie den Plan: sie zieht in eine rollstuhlgerechte Wohnung. Sie kann sich gehobene Mittelklasse leisten und zwar in eine Siedlung, in der bei Bedarf auch Hilfestellungen möglich sein würden. Pflegerische und betreuerische, selbstverständlich gegen Bezahlung.

Sie konnte gut Abschied nehmen von den Dingen. Sie waren ihr nie sehr wichtig. Die gut ein Dutzend Bücher, die immer bei ihr sein mussten, kamen wieder mit, dazu nur ganz wenige Bilder und etwas Geschirr. In ihrer kleinen Wohnung wollte sie Gäste bewirten können, auch wenn das nahegelegene Restaurant für jeden Geschmack etwas bereithalten kann. Der Umzug war nicht schmerzlich, das neue verlockender als das Aufgeben und der Abschied. Sie hatte das in Gedanken schon immer mal trainiert. Und allein sein, das konnte sie auch.

So nach und nach füllten sich die Wohnungen im Neubau. Sie war natürlich neugierig, wer ihre Nachbarinnen und Nachbarn werden würden. Denn sie wird viel häufiger zu Hause sein müssen und auch wollen. Und der Alptraum von vielen schwatzenden und keifenden Alten… die Vorurteile holen einem immer ein. Dabei weiss sie doch, dass es so nie stimmt.

Ihre Familie, einige Freundinnen und Freunde waren skeptisch. „Das ist doch noch zu früh“ – „das kannst du dann immer noch tun“ „So vereinsamt du doch“ – nein, das war nicht ihr Problem. Ihr Problem war ihr Körper und der sagte ihr, was zu tun war und sie tat es. Das befreite sie auch. Alles war kleiner, die Wege kürzer und handlich und bequem. Sie klopfte sich innerlich auf die Schulter. Das hast du gut gemacht und jetzt sind deine Kräfte wieder frei. Frei wozu? Zum Lesen, zum Schreiben, für die Welt draussen. Denn sie gibt es noch immer und wird nicht freundlicher.

Renate sitzt vor dem Fernseher. Sie schaut die Nachrichten in Englisch – als Training der grauen Hirnzellen – auf Deutsch und auch mal auf Französisch. Das ändert aber kaum etwas an deren Inhalten. Unglaublich, wie verlogen und kaputt diese Herren – jaja, Renate beharrt drauf – diese Herren sind. Seit sie nicht mehr gehen kann, sitzt sie unverhältnismässig viel vor dem Kasten. Noch vor wenigen Monaten hatte sie gelächelt, wenn andere erzählten: hast du das gesehen, jenes? Aber jetzt seit der Diagnose musste sie sich daran gewöhnen. Die Ärztin meinte: „Sie müssen jetzt die Welt zu sich holen“ ja, nur eben, über diesen Kasten? Natürlich, sie liest zwei Tageszeitungen, zwei Wochenzeitungen und mal auch die ganz grosse, die man nicht in den Händen halten kann. Und Radio hören, das kann sie auch. Sie will sich nicht beklagen. Augen und Ohren sind noch okay, auch ihr Kopf. Kaputt sind die Gelenke und ihr Mut. Aber das ist eine andere Sache. Darüber gibt es keine medizinische Diagnose und keine Pillen und keine Spritzen. Das ist jetzt ihr letztes persönliches Lernprogramm.

Am Abend geht sie früh zu Bett und schaut von dort noch fern, wenn sie nicht zu müde ist und die Tabletten nicht schon Schlaf verlangen. Aber vieles muss sie am nächsten Tag nachschauen. Und das ärgert sie. Sie will keine „von gestern“ sein und weiss doch, dass sie das ist. Sie hat ihre Zeit gehabt, jetzt ist eine andere angebrochen und die geht in ihren Augen den Bach runter. Aber sagen das nicht alle Alten? Wie oft hat sie sich früher geärgert über den Pessimismus der Alten. Und jetzt ist sie es, die den Kopf schüttelt und wettert. Das kann sie. Sie kann in ihrem Zimmer laut schimpfen und auch schon mal den weichen Ball, den ihr die Ärztin in die Hand gegeben hat, damit sie ihn knetet, um die Fingergelenke einigermassen vor dem Versteifen zu schützen, in hohem Bogen auf den Kasten geworfen. Das war nicht sehr klug, er hätte auch daneben gehen können und dort steht ihr geliebte Pflanze. Die soll ja nicht unter ihren Ärger und ihrer Wut kaputt gehen.

Renate rollt in die kleine Küche, macht sich einen Tee und liest weiter in der „Geschichte der Menschheit“. schmunzelt, schüttelt den Kopf und frohlockt. Einmal wird auch diese Kultur jetzt zu Grund gehen. Die Machthaber wünschen es sich offenbar sehnlichst und tun alles, damit das rassig und gewinnbringend vor sich geht. Sie rüsten wieder auf wie die Bekloppten, verlochen Billionen in Projekte, die die Atmosphäre noch schneller menschenuntauglich machen und drohen einander wie die Buben im Sandhaufen. Wenn es nicht zum Heulen wäre, wäre es ein Slapstick. Wenn der eine seinen Daumen in die Höhe hält, kann Renate nicht anders. Sie sieht den kleinen Jungen, der seinen Penis das erste Mal stehen sieht und sich sogleich als König der Welt fühlt. Was ja noch werden kann. Und all jene, die besorgt und wichtig durch die Gänge gehen und keine Ahnung haben, was ein Liter Milch im Grossverteiler kostet, aber die Rentenhöhe, die muss runter.

Ver-rückt ist die Realität. Jemand scheint immer an den Kulissen zu schieben, aber oben anders als unten. Deshalb wird es immer ungerechter, ver-rückter und das, was alle gleich macht: Krankheit, Sterben, Tod, das merken sie erst, wenn es sie betrifft und dann ist es für ihr „Ach hätte ich doch“ zu spät. Steve Jobs meinte ganz am Schluss: „Ich hätte ganz anders leben müssen“

Renate freut sich auf den Abend, zwei Freundinnen werden kommen, eine gute Flasche Wein ist bereit und ein kleiner Snack und gemeinsam werden sie die Welt verändern, wieder und wieder, wie sie es sich gewünscht haben, damals und schon immer. Und es schien ihnen möglich. So viele hatten Lust auf eine bessere, eine solidarische Welt. Und sie hatten so viel Kraft, sie zu bauen. Nun sind sie alt, gestorben und verbittert, je nach ihren Lebensläufen. Renate ist dankbar, dass sie wütend geblieben ist, sie weiss, diese Wut macht mich in aller Schwäche noch immer stark.

Renate räumt die leeren Gläser weg. Der Abend mit den beiden Freundinnen war wie immer: intensiv, ernsthaft, schimpfend, lachend, traurig und fröhlich, das ganze Leben halt. Jetzt, wo sie alt sind, ist alles einfacher und schwieriger gleichzeitig. Man muss nicht mehr aber man kann auch nicht mehr, mindestens nicht mehr alles. Wie kühn sie doch gewesen sind beruflich, politisch, in ihren Beziehungen, wie entschlossen, diese Welt zu verbessern, sich dem patriarchalen Grössenwahn in all seinen Konsequenzen entgegen zu stellen. Und unbescheiden, sie haben viel erreicht. Umso enttäuschter sind sie, dass die Giftmännlein wieder wie Pilze aus dem Boden schiessen, ihre Allmachtsphantasien umsetzen, wie wenn sie das Recht dazu hätten. Und was sie jetzt bedrückt: wer sagt denn stopp, seid ihr alle bekloppt?

Schon dass man sich gegenseitig umbringen will und kann, ist ja pervers, aber dass man das hundertfach, ja tausendfach können will und es in der Fantasie wohl auch tut, ist irr. Anders lässt sich keine Diagnose stellen. Das ist Realitätsverlust in mehrfacher Hinsicht, denn es ist auch kollektiver Selbstmord. Aber immer häufiger macht man(n!!) das ja, sei es aus religiösem Fanatismus oder aus adoleszenter Verzweiflung oder aus Geldgier…

Renate und ihre Freundinnen können sich damit nicht abfinden. Sie haben Kinder, Enkelkinder, sie lieben das Leben, freuen sich an der Welt und auch am Werden von so viel Positivem. Und dann einfach kapitulieren vor den Irren??

„Was machen wir mit der Welt, wenn sie nicht so ist wie wir sie haben möchten“, das war immer der Satz, der in ihren Sitzungen im Zentrum gestanden hat. Und dann ging‘s los – aber immer blieben sie realistisch: „Wir sind nicht allmächtig, wir sind nicht ohnmächtig, wir sind partiell mächtig. Und diese partielle Macht müssen wir nutzen“. So wurde Vieles möglich und jetzt?

Renate holt das dicke Buch hervor. Es ist das Buch der tausend positiven Geschichten von Frauen, die den Frieden gewagt haben. Sie wurden verlacht, verspottet, wurden auch verfolgt. Nicht alle leben mehr. Aber ihre Leben sind ebenso Realität wie die Raketen und Nervengase und Maschinengewehre und wer weiss denn schon, ob es nicht diese Arbeit so vieler Frauen ist, die die Welt überhaupt noch zusammenhält. Man weiss es aus den armen Ländern, wo so viel Geld bei den Männern in Töffli und Schnaps umgesetzt werden, während die Frauen Saatgut kaufen, Schuluniformen nähen und ihren Kindern zu essen geben. Klar, es gibt nicht einfach die und die, aber die Geschichte zeigt, den Graben, den gibt es schon.

Renate seufzt, holt sich die Zeitungen aus dem Briefkasten und mit dem Kaffee in der Hand versucht sie, wieder in die konkreten Alltagspolitiken einzusteigen, in die Aufregung über ein Kunstwerk oder über den Opernball oder die Strassenführung im Quartier. So ist es und sie schlummert ein.

Renate überlegt und träumt. Wie wäre es… Immer wieder kommt der Traum, noch einmal wegzugehen, nach Nordafrika, in jene Wüste, wo sie einst so abenteuerlich und glücklich und verliebt gewesen ist. Damals war das Reisen sehr anstrengend aber für sie doch ein Kinderspiel. Sie war ja jung. Und dann nach der Begegnung mit Amid war sowieso alles wie ein Flug durch andere Sphären. Sie erinnert aber auch die durchdringende Wärme, wie würde diese ihren steifen Gliedern gut tun, sie erinnert die Kühle der Nächte mit den klaren Sternenhimmel der Unendlichkeit, wie sehr würde ein warmes Bett unter dem offenen Fenster das Sterben erleichtern und sie erinnert sich der Töne, seltsamerweise der Töne, die auch in der absoluten Stille präsent waren. Amid hatte sie immer zärtlich ausgelacht, wenn sie davon gesprochen hat. Wie gern würde sie das nochmals hören, „Den Himmel voller Geigen“ und doch ganz anders. War sie nicht mehr ganz richtig im Kopf? Sie, die nur noch mühsam sich einigermassen in einer behindertengerechten Wohnung fortbewegen kann, will in Nordafrika noch einmal in jene Oase fahren und ja was denn? Dort sterben? Das geht nicht auf Bestellung oder doch?

Renate ist unruhig. Irgendetwas treibt sie an und macht sie gleichzeitig müde. Sie holt das Fotoalbum heraus, sucht die drei Fotos, die sie und Amid zeigen, Arm in Arm und voller Träume und voller Zuversicht. Das war vor dem Unfall. Nicht eine Sekunde hatten sie beide gedacht, dass das Leben grausam sein kann. Er ist gegangen, schnell und vielleicht war es das Beste so. Das Beste für ihn! Sie musste bleiben mit der offenen Wunde im Herzen und der Sehnsucht, der ungestillten dazu. Und jetzt in ihrem Alter will sie die Wunde nochmals aufreissen? Vielleicht aber auch heilen lassen?

Im Traum der Nacht ist Amid sehr präsent und ermutigt sie. „Komm“ es war eine Einladung, die sie am frühen Morgen noch wärmte.

Renate nahm Block und Bleistift und begann zu planen: wie kann das gehen? Wer kann sie begleiten? Eine Person ihres Vertrauens oder lieber eine Profiperson? Sie kann sich das leisten, ihre Ersparnisse aufzubrauchen. Irgendwie wusste sie, dass das ein Ende war, ein Ende der Kosten und der Sorgen. Das durfte sie aber auf keinen Fall den Angehörigen erzählen, die würden ausflippen. Sie hätten wieder Befürchtungen, dass Renate irgendeinmal einen Anspruch an sie stellen werde. Als ob sie das schon je mal getan hätte. Nur vererben, vererben würden sie nichts mehr können. Aber darauf gibt es doch kein Recht oder?

Das Planen machte sie zufrieden und stimmte sie fröhlich. Ja, sie wird diese Reise noch einmal machen, sie wird zurückgehen und dann bleiben, wie auch immer. Das wird die Erfüllung sein. Sie hörte sich summen und lächelte und fast schien es, als ob ihre Beine demnächst tanzen würden. Dabei waren sie steif und schwer. Aber heute war wenigstens der Schmerz ganz still. Er schämt sich vielleicht. 

Renate weiss, sie ist verrückt und all ihre Bekannten und ihre Kinder sind besorgt. Was willst du? Nach Nordafrika fahren, jetzt, in deinem Alter? Das geht nicht, meint der Sohn kategorisch. Und auch die Leiterin der betreuten Wohnungen versucht ruhig und vernünftig mit Renate über alle Schwierigkeiten zu reden, denen sie auf einer solchen Reise begegnen wird. Was ist, wenn der Blutdruck…Was ist, wenn der Blutzucker…? Wer weiss, wie die Medikamente in der trockenen Hitze sich verändern werden? Und erst in der feuchtwarmen Zone? Und, wenn ihre Herzrhythmusstörungen wieder kommen und weit und breit kein Spital und kein Arzt zu finden sein werden? Sie hatte das letzte Mal doch wirklich Angstzustände!

Renate hört sich die tausend Einwände, die giftigen und die wohlmeinenden an. Dann schreibt sie in einer Nachtstunde ein Rundmail an alle ihre Lieben und nicht so Lieben:

Schaut, ich bin alt und behindert und meine Lebensqualität und mein Lebensradius sind eingeschränkt. Dennoch  m u s s  ich nochmals an diesen Ort reisen. Es ist wichtig für mich. Vielleicht komme ich von dort nicht mehr zurück. Dann ist es auch gut. Macht euch keine Sorgen, alles ist geregelt. Ich fliege!

Dann meldet sie sich bei der Nummer, die sie schon lange aufbewahrt. Es ist die Nummer einer Pflegefachfrau, die sie kennengelernt hat, als ihre Behinderung so richtig diagnostiziert und die Chancen glasklar berechnet wurden. Sie hatten eine halbe Nacht gebraucht, um klarzukommen, Renate mit ihren Grenzen und Verena mit den ihren. Nichts mehr tun können, ist immer eine Kränkung. Die Nummer ist noch in Betrieb und Verena meldet sich. Renate erwähnt nur ihren Namen und schon kommen tausend Fragen und zärtliche Wärme durch den Apparat. Renate bittet, dass Verena sie doch demnächst mal besuchen komme. Nächsten Sonntag liegt schon drin.

Und am Sonntag wird es klar: Verena wünscht sich einen Break und Renate die Reise, was also hindert sie beide an diesem Wagnis? Definitiv: Es wird ihre letzte Reise sein, warum auch nicht. Sie freut sich wie ein Kind.

Sie wählen den Zeitpunkt, buchen den Flug, überlegen, was mitzunehmen sei. Renate weiss, ganz wenig für mich, spricht es aber nicht aus. Sie spürt, ich werde nicht mehr zurückkommen. Aber ich fliege, fliege im Spätsommer. 

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© Copyright Monika Stocker