Dezember-Geschichte

Elvira

Natürlich hatte sie wählen können, privilegiert wie sie war, es standen immer verschiedene Türen offen. Gleich drei waren naheliegend und realistisch. Und sie hat gewählt. Wie privilegiert sie auch immer war, kein Mensch kann gleichzeitig in drei Richtungen gehen, also heisst die Wahl der einen auch Verzicht auf die beiden andern. Das machte ihr nichts aus. Jahrelang nicht, es war gut so, wie es ist.

Elvira ging den Weg schliesslich wie viele in ihrer Zeit: Studium, etwas Politik, etwas Feminismus, aber doch Ausschau nach einem Partner mit dem sie Familie, sprich Kinder haben kann. Auch das klappte. So kam es zur Heirat, dem Aufbau von Karriere von ihm und ihr, mal noch dieses oder jenes zusätzliche Engagement, aber nicht zu sehr. Schliesslich will man leben. Und sie lebten, gut, etwas herkömmlich, aber immer wieder für eine Überraschung gut. Ihr Freundeskreis fand das sexy. Die Kinder kamen, dominierten ihr Leben, aber auch nicht zu sehr und wurden erwachsen.

Elvira ist unterwegs, für einmal allein. Sie war unruhig in den letzten Tagen, missmutig auch und das ohne objektiven Grund. Sie fürchtete, sie gehe allen auf die Nerven, vielleicht war das ja auch so. Plötzlich merkte sie: sie steuerte auf jenen Baum hin, den sie wiedererkannte.
Es war auf einer Frauentagung, als sie unter diesem Baum eine Art Ritual feierten, gesungen hatten, glücklich waren. Eigentlich war sie eher eine nüchterne Person, aber sie erinnerte sich: an jenem frühen Abend hätte sie die Welt umarmen können, sie fühlte sich gross, stark, wunderbar und verbunden mit einem noch Grösseren in der Welt und ausserhalb. Sie setzte sich auf die Bank, die genauso dort stand wie vor Jahrzehnten. Sie fühlte die Kraft in ihr wie damals, neu und doch vertraut. Was zum Teufel war nur los, auf einmal kamen Tränen und zwar ohne dass sie sie hätte stoppen können. Sie weinte um den grossen Traum von einst, sie weinte um die junge Frau, die einmal so gross dachte und sie weinte um das Verbundenheitsgefühl, von dem sie damals alle hofften, es brächte der Welt Frieden und eine gute Zukunft für alle.
Die Tränen erschöpften, die Enttäuschung über sich auch, sie möchte gar nicht weitergehen. Sie blieb. Wie in einem slow motion Film gingen die Jahrzehnte an ihr vorbei, die schwierigen Momente, die glücklichen, die neuen alten Wegweiser. Ja, es gab immer wieder Entscheidungen zu treffen. Sie konnte wählen. Sie tadelte sich und ihr Unbehagen: wie viele Frauen auf dieser Welt leben in einer Einbahnstrasse und können nie, nie auch nur eine kleine eigene Entscheidung treffen!
Warum nur war sie gerade jetzt verunsichert, die richtige Entscheidung getroffen zu haben? Hätte es nicht auch die andere sein können oder die dritte und was wäre dann aus ihr geworden, aus ihrem Leben?
Elvira überraschte sich und die andern. Sie meldete sich für ein halbes Jahr an in einem Kloster und zwar nicht einfach so als Feriengast, wie das ja jetzt viele taten sondern sie wollte richtig dabei sein, richtig mit leben. Das war möglich, weil sie sich an Anna erinnerte. Sie waren zusammen in der Jugendorganisation gewesen und hatten an Führerinnen Wochenenden und in Ferienlagern Träume ausgeheckt vom abenteuerlichen Leben, das sie führen werden. Dann haben sie sich aus den Augen verloren als plötzlich eine Karte kam, fast so etwas wie eine Hochzeitsanzeige: Anna war in einen Orden eingetreten, der – so googelte Elvira – als streng galt, als stiller Orden, also kaum Aussenaktivitäten. Elvira wunderte sich: Anna war doch die aktive gewesen, der immer wieder etwas einfiel, auch durchaus schräge Dinge. Sie konnte sich freuen, wenn jemand Pech hatte, ging dann aber mit einem Sugus zu ihr und tröstete. Anna, der Wirbelwind, im Kloster?
Der Brief, den sie Anna schrieb, blieb nicht lange unbeantwortet. „Komm, du bist willkommen“ Und Elvira ging. Es war ein Eintauchen in eine total andere Welt, eigentlich eine Un-Welt, wenn man den üblichen Alltag als Massstab nahm. Es geschah nichts, scheinbar, dann aber kam der Rhythmus, Vita activa, vita contemplativa, von Gebet, von Stille, von Essen und Schlafen, die Arbeit, die Elvira in die Küche führte und am frühen Abend eine Stunde Beisammensein im Gespräch. Wie neugierig alle auf die Erzählungen von Elvira waren, von ihrer Arbeit, von ihren Kindern, von der Politik, von den aktuellen Moden und Problemen. Elvira kam sich wie eine Moderatorin des Unwahrscheinlichen vor. Über vieles wurde herzlich gelacht. Manchmal machten Anna und sie einen Rundgang durch die Klosteranlage zu zweit und Anna wollte mehr über Elvira wissen und Elvira über Anna. Es entstand ein Austausch zwischen ihnen, den beide gierig aufnahmen, kannten sie doch beide die alten Fragen: mach ich das Richtige? Gegen Ende des Aufenthalts nahmen sie sich einen ganzen Tag Zeit, unternahmen eine Wanderung ausserhalb der Klostermauern und redeten und schwiegen und dachten nach. Schliesslich beim Picknick auf der Alp meinte Elvira. „Es war so gut hier zu sein, bei euch, in eurem Leben, nah in deinem. Ich gehe gelassen zurück in meines. Inzwischen glaube ich, dass bei all unseren Freiheiten und Wahlmöglichkeiten doch ein Schicksalsfaden verborgen ist. Und der ist gültig.“ Anna nahm sie in die Arme: “Weisst du, ich hatte etwas Angst vor dir und deinem Kommen. Ich dachte, vielleicht bringst du mich durcheinander und zeigst mir, was ich alles verpasst habe. Und durch unsere Gespräche und deine Offenheit hatte ich auch gespürt, es gibt nicht einfach alles, es ist immer eine Wahl, und immer ein Verlassen der anderen Möglichkeiten!“ Sie waren sich einig, sie würden einander schreiben, den Faden weiterspinnen. Beim Abschied gab Anna ihr einen Zettel in die Hand:
Der Wunderknabe
Herkunft unbekannt
Anna schrieb rot darunter: könnten auch Wunderfrauen sein!

Es war einmal ein Wunderknabe, der im zartesten Alter schon die ganze Welt erkannte. Unter der Tür des Elternhauses wusste er über alles Bescheid, und von weither kamen die Menschen, um ihn sprechen zu hören und um seinen Rat zu holen. Er war zum Glück auch ein glänzender Redner und liess den schwierigsten Fragen die größten Worte angedeihen, und manchmal auch die längsten. Man wusste nicht, woher er sie hatte, wie es bei Wunderknaben so ist. Sie lagen ihm einfach im Mund. Sein Ruf ging in die Welt hinaus, und bald wollte man überall von seinem Wissen profitieren.
So machte er sich auf die Wanderschaft und nahm sich vor, die ganze Welt, über die er immer gesprochen hatte, nun auch zu berühren. Doch kaum eine Stunde von zuhause kam er an einen Kreuzweg, der ihn zwang, zwischen drei Möglichkeiten zu wählen, denn nicht einmal ein Wunderknabe kann zugleich in verschiedenen Richtungen gehen. Er ging geradeaus weiter und musste dabei links ein Tal und rechts ein Tal ungesehen liegen lassen. Schon war seine Welt zusammengeschrumpft. Auch bei der nächsten Gabelung büsste er Möglichkeiten ein, und bei der dritten, und bei dar vierten. Jeder Weg, den er einschlug, jede Wahl, die er traf, trieben ihn in eine engere Spur.
Und wenn er auf den Dorfplätzen sprach, wurden die Sätze immer kürzer. Die Rede floss ihm nicht mehr wie einst, als er lns Freie getreten war. Sie war belastet von Unsicherheit über das unbegangene Land, das er schon endgültig hinter sich wusste.
So ging er und wurde älter dabei, war schon längst kein Wunderkind mehr, hatte tausend Wege verpasst und Möglichkeiten auslassen müssen. Er machte immer weniger Worte, und kaum jemand kam noch, ihn anzuhören. Er setzte sich auf einen Meilenstein und sprach nun nur noch zu sich selbst: ,,lch habe immer nur verloren: an Boden, an Wissen, an Träumen. lch bin mein Leben lang kleiner geworden. Jeder Schritt hat mich von etwas weggeführt. lch wäre besser zuhause geblieben, wo ich noch alles wusste und hatte, dann hätte ich nie entscheiden müssen, und alle Möglichkeiten wären noch da.'
Müde, wie er war, ging er dennoch den Weg zu Ende, den er einmal begonnen hatte, es blieb ja nur noch ein kurzes Stück. Abzweigungen gab es jetzt keine mehr, nur e i n e Richtung war noch übrig und von allem Wissen und Reden nur ein einziges letztes Wort, für das der Atem noch reichte. Er sagte das Wort, das niemand hörte, und schaute sich um und merkte erstaunt, dass er auf einem Gipfel stand. Der Boden, den er verloren hatte, lag in Terrassen unter ihm. Er überblickte die ganze Welt, auch die verpassten Täler, und es zeigte sich also, dass er im Kleiner- und Kürzerwerden ein Leben lang aufwärts gegangen war.

Elvira kehrte zurück und war einfach zufrieden. Sie hatte eine Welt kennengelernt und Frauen in so andern Lebenszusammenhängen erfahren, den ihrigen total fremd. Der Spiegel hat die Sicht auf ihr Leben verschärft.
An einem Sonntagmorgen spazierte sie wieder zum Baum, den sie damals verunsichert verlassen hatte, setzte sich wieder auf die Bank.

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© Copyright Monika Stocker