Mai-Geschichte

Ella

Sie war müde, einfach müde. Und niemand verstand das, sie selbst am wenigsten. Alle fanden. Du hast es doch gut, du darfst doch einfach ruhen, du bist halt jetzt alt, du … sie konnte es nicht mehr hören. Es war nicht die Müdigkeit, die man mit acht Stunden guten Schlaf erledigen könnte. Es war eine tiefe Lebensmüdigkeit. Ella scheute sich aber, diesen Begriff zu nennen und auch nur zu denken. Lebensmüde, das tönt nach Suizid und das war nie das Thema. Es war eine Müdigkeit, die von innen kam, nicht einfach aus der Psyche so im Sinn depressive Verstimmung, das kannte sie ja auch. Nein, es war eben eine umfassende nicht nur individuelle Müdigkeit, eine Weltmüdigkeit. Aber das kann man niemandem erklären. Auch nur schon der Versuch, selbst bei den engsten vertrauten Menschen ging nicht. Sie erntete nur Staunen und wohl ein bisschen inneres Kopfschütteln. Was Ella nur wieder hat!

Schon seit Kindheit wusste Ella, dass sie zu viel sieht, zu viel merkt, zu viel weiss, auch das, was nicht zu sehen und zu „wissen“ war. Das hat sie schon als Kind bleich und müde gemacht. Man hatte dann zu Lebertran gegriffen und Orangen gekauft, was damals noch gar nicht selbstverständlich war. In den Jahren des Erwachsenwerdens gab es Zeiten, wo Ella sich fragte, ob es denn einen normalen Lebensweg überhaupt gibt für sie oder ob eventuell Kloster oder Auswandern in eine andere Kultur einfacher wäre. Doch Abstürzen kann man überall und das, was sich als Normalität auftat, hatte zum mindestens ein Geländer, dort konnte sie sich halten, manchmal.

Ella hatte immer wieder, wenn auch nur wenige Erlebnisse, die ihr gezeigt haben, dass sie da nicht einzig ist. Es waren ausnahmslos Frauen, mit denen ein Blick, eine Berührung oder ein Wort das Erkennen freilegte. Aber auch darüber kann man nicht reden, nicht in unserer Zeit, nicht in unserer Kultur.

Jetzt war Ella alt und auch da gab es Normen: was alte Frauen heute noch tun können und sollen und tatsächlich auch tun. Sie sind aktiv und nicht müde, mindestens nicht so müde, wie Ella sich fühlt. Ein Paradox. Und niemand würde es ihr glauben, denn sie konnte beides, hatte es in den Jahrzehnten ihres Lebens gelernt.

Auf einer Insel, nicht weit von der wunderbaren Hauptstadt entfernt, soll es ein kleines Haus geben, in das sich vier Frauen zurückziehen möchten, so als eine Art Wohngemeinschaft für ihr Alter. Sie hatten ihre Beziehungen allmählich geknüpft und geredet und geplant. Sie hatten schliesslich ein Treffen vereinbart. Der Entscheid war ja nicht einfach und dass er endgültig, kaum umkehrbar sein wird, machte die Sache nicht einfacher. Sie waren alle nicht mehr jung und wenn sie die Brücken hinter sich abbrachen, hätten sie nicht mehr die Kraft sie wieder herzustellen, sollte die Insel – wie sie das Projekt von Anfang an genannt haben – zum Fiasko werden. Ella war eine von ihnen und sie tat sich schwer. Die Normalität hinter sich lassen, die doch über viele Jahrzehnte auch gestützt hatte, das war ziemlich endgültig. Sie musste ihren Freundinnen sagen, was sie bedrückte und was sie glaubte, dass mit ihrer Müdigkeit los sei. Ob sie das verstehen?

Das einfache Nachtessen auf der Terrasse in der alten Stadt war fröhlich. Beim Kaffee wurde es ernster, verbindlicher. Wie nun? Wer nun? Wann denn? Ella erzählte von früher, als sie Kind war, als sie jung war und von jetzt, ihrer Müdigkeit und ihren Bedenken, ob sie wirklich eine für die „Insel“ sein kann. Erstaunlich: die drei andern Frauen waren weder erstaunt noch erschreckt, weder schüttelten sie den Kopf noch machten sie viel Getue. Klar, du bist müde, das wissen wir doch und das hat gute Gründe. Auf der Insel darf man müde sein, was denn sonst. Wir müssen dort keine Norm erfüllen, weder die der „neuen“ alten Frauen noch die der tüchtigen alten Frauen. Wir sind, wir leben und wenn wir sterben ist das auch gut. Silvia hatte schon längere Zeit dort gelebt, wusste von den Dorffrauen, die bereit waren für etwas Geld zu helfen, allenfalls auch zu pflegen und sich freuten, wenn Silvia mit den „Donne“, wie die Dorffrauen das Projekt nannten, endgültig umziehen und zu ihnen kommen würden. Ella spürte einen Funken Energie, wie schon lange nicht mehr. Eswar Es ist also möglich und sie stimmte ein. Ich bin dabei. Gemeinsam lachten sie die ersten Sterne an. Sie wussten, es wird gut.

Für das kommende Wochenende vereinbarten sie eine Planungssitzung, jetzt wollten alle den kommenden Sommer bereits auf der Insel verbringen. Das neue Leben drängte, das alte war in die Ecke gekrochen und würde sich dort erledigen.

Ella sass noch lange unter einer Decke auf der Terrasse, blickte zu den Sternen und wusste: es ist end-gültig. Und sie meinte beides.

Das Planungswochenende war konstruktiv, im Monat darauf reisten sie auf die Insel, um ihr Haus kennenzulernen und einzukaufen, was noch nötig war, viel war es nicht. Wieder zu Hause galt es aufzuräumen, Abschied zu nehmen, das Kopfschütteln nochmals auszuhalten und sich zu freuen auf die end-gültige Reise, dann. Ella würde etwas später erst kommen. Die Hochzeit ihrer Enkeltochter wollte sie doch noch mitfeiern. Das hatte sie versprochen. Und das war gut.

Der Spätsommer war früh genug.

 

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© Copyright Monika Stocker