März-Geschichte

Ben

Er war nervös. Natürlich war er nervös. Er hatte zwar alles minutiös geplant und wusste, sein Plan war gut. Und allein war er ja auch nicht. Der Plan war mit jenen drüben abgesprochen und todsicher. Und dennoch: Ben war nervös. Seit seinem letzten Gefängnisaufenthalt hatte er versucht, ein anderer zu werden. Er war felsenfest überzeugt, dass ihm das gelingt. Seine Mutter, seine Schwester und seine echten Freunde hatten ihm viel geholfen und das machte ihm eigentlich jetzt am meisten zu schaffen. Er betrog vor allem sie, also jene Menschen, die ihn wirklich liebten.
Ben schob diese Emotionen zur Seite. Er konnte das noch ganz gut. Er hatte es 43 Jahre trainiert: unangenehme Dinge, vor allem Gefühle, konnte er in jenen Korb versenken, wie er es auch als ein sehr guter Korbballspieler tun konnte. Bern versenkt, der Versenker, so sein Name im Dorf und sogar darüber hinaus. Seinen Namen kannte man und ihn auch. Ja, das waren gute Zeiten. Bis er dann halt mit Doppen und halblegalen Drogen und schliesslich Handel mit ganz illegalen alles versaute: seinen Körper, seine Karriere, seine Beziehungen, seinen Ruf. Drei Mal war es schon verurteilt worden und er wusste, das nächste Mal war es für sehr lange Zeit. Dann konnte er sich gleich den Schuss geben. Aber es sollte ja kein nächstes Mal geben. Auch das war sicher.

Dass er jetzt hier in der andern Grossstadt in einem Billighotel logierte bis die nächsten Anweisungen kamen, war ihm zuwider. Er hätte sich eigentlich mal etwas Besseres gönnen wollen, immerhin hatte er etwas Geld. Sein Job war ja nichts Besonderes, brachte aber regelmässig so viel ein, dass er ein Mittelklasse Hotel hätte buchen können. Aber er wusste ja, diese Typen können nichts anders, einmal unten, immer unten. Aber er würde das ein allerletztes Mal tun, das hatte er ihnen gesagt und sich geschworen. Natürlich, Ben wusste, ich bin – noch immer – erpressbar. Die alten Zeiten holen einen immer wieder ein und auch im Gefängnis war das Überleben nur zu sichern, wenn man sich oder seine Zukunft in Tranchen verkaufte. Da kam niemand ungeschoren davon. Alle zahlen einen doppelten und dreifachen Preis. Das wussten alle und niemand schien es zu stören. Der Händedruck des Gefängnisdirektors bei der Entlassung und der Spruch, ich will Sie nie mehr sehen hier, war ziemlich feige. Denn auch er wusste, dass es nicht allen gelingt, die alten Schulden, die ja hier aufgelegt wurden, legal zu bereinigen. Auch Ben nicht.
So kamen sie halt eines Tages und verlangten den Transport. Er zeigte die kalte Schulter und tat, als wüsste er von nichts. Dann lauerten sie ihm auf und er wusste, Schlagstöcke und Messer inklusive. Das geht nicht gut. Also halt, noch einmal, dann muss es reichen. In der Firma, bei der Mutter erzählte er freudig, ein erstes Mal Ferien solle ihn endlich mal wieder in den Süden bringen. Rom, Neapel, die Amalfiküste, ein paar Tage Insel – er konnte strahlen, glaubwürdig sich freuen. Sein Gepäck war leicht, noch.

Jetzt hockte er also in diesem miesen Hotel und schaute alle paar Minuten auf sein Handy. Er würde eine sms bekommen, wann er sich wo einzufinden hatte. Das mindestens war die letzte Order. Dabei war draussen strahlender Frühling, Frühsommer, Licht, Farben. Ben hatte Lust sich umzusehen, vielleicht Bekanntschaften zu schliessen, eine Frau wäre auch mal wieder gut für ihn. Und ausserdem hatte er Hunger. Er wird es wagen. Ben verlässt das Hotel, geht in die Altstadt, setzt sich in eine Bar und bestellt den üblichen Drink. Das tat gut. Er war ein normaler Tourist. Niemand konnte ihm irgendetwas anhaben, er hatte genug Geld, um den Drink zu bezahlen und er konnte sich ein gutes Abendessen leisten. Davor schickte er eine sms an seine Mutter und seinen Freund. Er wusste, auch das war falsch. Wenn nämlich etwas schief läuft, lässt sich das hier als Fährte ausfindig machen. Aber, was soll schon schief laufen? Er fühlte sich stark und unangreifbar. So ging er in die Trattoria und bestellte sich ein italienisches Nachtessen, das er sich so oft erträumt hatte, wenn er allein in seiner Zelle gegessen hat. Ja, mal wieder so speisen mit weissen Tischtuch, Stoffserviette und sauberen Gläsern. Das war es jetzt also und Ben schalt sich einen totalen Idioten, dass er das wieder aufs Spiel setzt. Soll er abhauen? Aber sie finden einen immer. Auch das hatte er gelernt.

Beim Kaffee hat er sie gesehen. Sie sass allein an einem Tisch, ein Magazin in den Händen und etwas nervös um sich schauend, die Uhr konsultierend und dann weiterlesend. Sie wartete. Auf wen wohl? Nach einer Weile fühlte sich Ben mutig genug und ging an ihren Tisch und fragte in seinem etwas gebrochenen aber verständlichen italienisch, ob er ihr einen Espresso spendieren könne? Plump vielleicht aber immer wieder wirksam. Und sie lächelte tatsächlich, legte das Magazin auf die Seite und hiess ihn mit einer Geste, sich zu setzen. Da sah er, das Magazin war eine deutsche Frauenzeitschrift. Seine Schwester las diese auch. Er versuchte es: „ Ich bin aus den Schweiz“, meinte er und sie begann zu lächeln „ich aus Süddeutschland“. Das war der Beginn eines angenehmen Abends, einer etwas traurigen Geschichte auf Seite der Frau, die offensichtlich versetzt worden ist und auf Seite von Ben ein grosses Lügengebäude. Aber es reichte für eine gemeinsame Nacht, die gut und leicht war. Nicht einmal hat Ben auf sein Handy geschaut. Nach dem Frühstück war es klar: sie ging und sie würden sich nicht mehr sehen. Auch gut, das war unkompliziert und nicht einmal traurig. So ist das Leben.
Nachdem sie gegangen war, schaute Ben auf sein Handy. Er hatte fünf Meldungen, die letzte mit sieben Ausrufezeichen. Er war doch kein Sklave, er hat ein Recht, einen Abend und eine Nacht so zu leben, wie Millionen anderer Menschen auch, Herrgott nochmal. Die sms war deutlich, um 16h beim Hauptbahnhof Ausgang Nord sich einzufinden ohne jemanden dabei. Also hatte Ben noch Zeit. Er checkte aus und ging an die Hauptstrasse. Das ist immer ein sicherer Ort. Er ging in eine Buchhandlung, doch so viel italienisch kann er nicht, dass er Bücher in dieser Sprache hätte lesen können. Er kaufte sich eine deutsche Tageszeitung und setzte sich in ein Café. Er war ja eigentlich Tourist und uneigentlich, das kam dann am Nachmittag um 16h. Es wurde heiss, zu heiss.

Ben tat, was er seit Jahrzehnten nicht mehr gemacht hat. Er ging zum Dom und setzte sich in eine der hintersten Bänke. Es war kühl, still und trotz der Touristenströme erfüllte ihn ein sehr spezielles Gefühl. Er erinnerte seine Kindheit. Wie oft war er mit seinen Eltern, der Schwester in die Kirche gegangen, mal freudig, mal widerwillig. Und dann als Jüngling, nur weg von allem. Im Gefängnis war der Seelsorger ein patenter Kerl. Mit dem konnte man reden. Doch tun konnte der nichts. Der wusste natürlich genauso wie alle, was da hinter den Mauern läuft, an Erpressung, an Gewalt, an Unterdrückung. Mit der Zeit ging er Ben auf die Nerven. Reden, reden, und dann – letztlich war man im Kampf des Lebens – ja so hatte er es ihm entgegengeschleudert – doch einsam und auf sich gestellt. Kein Gott und kein Teufel standen zur Seite.
Ben muss wohl eingenickt sein. Die Mittagsglocken weckten ihn, schon 12. Die Stunde rückte näher und Ben spürte, dass er alles nicht wollte, was da kommen wird. Die Übergabe, die Informationen, das überall verstecken auf der Herrentoilette im Hauptbahnhof, die Fahrt zum Flughafen mit der ganzen Aufregung. Die Hoffnung, dass die Kontrolleure gestern besoffen gewesen waren, dass sie lieber junge Männer filzten als ihn, der doch schon in die Jahre gekommen war, dass er sich eine gute Story ausdenken muss, falls er doch dran kommt. Vielleicht konnte er einen Norovirus erwähnen, den er gerade überstanden hatte. Die Italiener waren sehr ängstlich, was Viren und Bakterien und Ansteckung auch nur im Entferntesten in Betracht ziehen könnte. Ben grinste. Er erinnerte sich an Giovanni, den Zellenachbar, der immer versucht hatte, ihm etwas Essen abzubetteln. Der hatte nie genug. Ben aber auch nicht zu viel. Das ewige Gejammer ging ihm auf die Nerven. So erfand er eine schreckliche Geschlechtskrankheit, mit der er sich in Paris infiziert härte. Giovanni hat ihn nie mehr auch nur von nahe angesprochen geschweige denn versucht, etwas vom Teller zu klauen. Dabei war Ben noch gar nie in Paris gewesen. Wenn er das hier heil überstand, dann wäre das die nächste Destination, aber ohne Aufträge, das schwor er sich.

Er musste noch etwas essen. Wer weiss, wann er ins Flugzeug kommt und was es dort dann geben wird. Wohl wie immer diese Plastikmahlzeiten, die er nicht mehr sehen konnte. Sie waren meist der Anfang vom Ende. Denn bei der Landung holte man ihn raus und er wurde verhaftet. Doch dieses Mal, nur noch dieses Mal durfte das nicht passieren. Betete er jetzt tatsächlich zu einem Gott? Oder zum Schutzengel, von dem seine Grossmutter immer geredet hat, der ganz sicher bei ihm sei? Ach ja, die Grossmutter. Zum Glück hat sie nicht mehr erlebt, dass ein Ganove aus ihrem geliebten Ben geworden ist. Sie hätte es nicht verstanden und doch hätte sie ihn weiterhin geliebt, so war sie eben.

 
© Copyright Monika Stocker