Januar-Geschichte

Michel und Sabina

Er ist wütend, so wütend. Bei jedem Schritt läuft verdammt, verdammt, verdammt mit. Den Rhythmus kennt er. Dieses Schleimgesicht, typisch der. Und das Gedöns vom Chef, CEO, wie in jedem Lehrbuch: Strategie überprüfen, Neue Vision, Aufbruch, neu aufstellen und eben Strukturwandel, Restrukturierung, Verluste, Gewinne und das Geplapper der HR Dame: Krise ist auch Chance, wir lassen niemanden hängen, Coaching, Beratung, Lebensentwürfe- der ganze verdammet Mist. Michael könnte brüllen, seine Zähne beissen aufeinander, dass der Kiefer schmerzt. Die Haut am Kinn ist weiss und oben brennt die Wut, die Wut, die Wut. Und der andere, der Schleimer, wurde natürlich vorgezogen, der kann bleiben. Sein Grinsen ist wie Folter und macht kaputt. Michael schreitet wie wild durch die Stadt, merkt gar nicht, wohin er geht. Plötzlich ist er am Waldrand und schaut auf die Häuser, die City, die Büros, auch sein Head Office zum Grölen. Wie ein Leuchtturm – hiess es damals – sollte es in den Himmel ragen, die Zukunft aufzeigen, die unendliche Möglichkeiten beinhaltet. Wenn wir nur wollen… und verdammt nochmals, er wollte. Er arbeitete, er schuftete, machte Überstunden. Leider Herr Huber, ihre Zeit bei uns ist zu ende. Sie waren für uns sehr wichtig, wir verdanken Ihnen viel, aber leider, Sie wissen… Jaja. Er ist nicht mehr ganz jung, weiss zu viel und ist nicht pflegeleicht.

Er kennt die Strategien aus der Aggressionshemmungsrunden noch. Als Schüler war er schon immer wütend, wusste nicht wohin mit seinem Zorn, seiner Kraft. Da gab es so Training und man lernte, bis zehn zu zählen, einen kalten Brausestrom auf die Handgelenke zu sprühen, bis hin zum Waldlauf, Bäume umarmen als wollte man sie ausreissen. Er hatte gelernt, doch jetzt: alles zum Teufel.

Seine Frau ging weg, du bist zu aggressiv und im Übrigen, nie da. Seine Buben leben bei der Frau, natürlich, Väter sind so wenig präsent, das Haus wurde der Familie überlassen, finanziell das einzig mögliche, so hoch war sein Verdienst jetzt auch nicht. Er zog in das Scheissappartement, immerhin mit einem zweiten Raum, damit die Buben auch bei ihm übernachten können. Aber sonst: trostlos.

Also einen Baum umarmen. Er geht in den Wald hinein und – schreit, schreit einfach: verdammt, verdammt, verdammt. Hoffentlich hört ihn keiner, sie holen sonst noch die Polizei.

Michael geht wieder an den Waldrand, erschöpft zwar, aber wütend, wütend, wütend. Er rennt mehr als er geht hinunter in die Stadt, ein Tram steht da, also rein, wohin ist eh egal. Er landet in der City, geht in einer Nebenstrasse in eine Bar. Voll laufen lassen? Er weiss, das hilft nur kurz, immerhin. Er bestellt mal das Bier und einen Schnaps, nicht gerade City like, doch was solls.

Dann sieht er die Frau an der andern Ecke der Bar stehen. Sie bestellt einen Gin Tonic. Er spürt, so oft macht sie das nicht. Sie trinkt ihn in einem Schluck aus und bestellt gleich noch einen. Das sieht nicht gut aus. Diese Frau wird nicht lange durchhalten.

Michael spürt die Wut schwinden, sie rumort zwar weiterhin aber sie fährt zurück. Er beobachtet die Frau, die auch schon den zweiten Gin Tonic ausgetrunken hat. Sie will gleich nachbestellen, da ist Michael an ihrer Seite. Darf ich Ihnen einen Kaffee offerieren? Woher kommt denn das? Und die Frau schaut ihn an, als ob er vom andern Stern sei. Sie nickt. Der Barmann bringt zwei Espressi, Michael zahlt alles und nimmt die Frau am Arm. Kommen Sie, wir gehen. Und sie gehen.

Draussen ist es schon dunkel und deutlich kühler geworden. Nebeneinander schreiten sie aus, als ob sie ein Ziel hätten, ein gemeinsames. Sie kommen zum See. Auf der grossen Brücke bleibt sie zurück und starrt ins Wasser. Michael bemerkt es erst nach einigen Sekunden und rennt zu ihr, packt sie am Oberarm. „Nein, ich bringe mich nicht um, ich habe ein Kind – noch“. Michael weiss, man muss eher schweigen als reden. Nach einer Weile, in der sie gemeinsam die Uferlichter im See tanzen sehen, die Weite spüren, die Wasser ja immer vermittelt, flüstert sie eher als dass sie spricht. “Julia ist im Unispital, juvenile Leukämie, das sagt man mir heute“. Michael schweigt mit ihr. Dann nimmt er ihren Ellenbogen und sagt: “ich bringe sie jetzt nach Hause“. „Ich bin nicht von hier, ich wohne in C“. Oh, das ist ein Dorf im Thurgau. “Wie kommen sie dahin? Haben Sie ein Auto da?“ Sie schüttelt den Kopf. Spontan meint Michael: ich habe ein kleines Zimmer für meine Buben übers Wochenende“. Sie schüttelt den Kopf. „Ich verstehe, ich bringe Sie in ein Hotel, okay?“ Sie nickt, wahrscheinlich ist es ihr eh egal. Michael bringt sie in das kleine Hotel hier in der Nähe, nicht gerade billig, aber auch nicht von den teuren am Platz. Hier haben sie jeweils die mittleren Kader Gäste untergebracht. Michael wartet, bis sie an der Rezeption eingecheckt hat und sieht ihren Namen: Sabina und irgendetwas mit F… Er will aber nicht neugierig scheinen. Die Rezeptionistin fragt: wo ist ihr Gepäck. Sie schüttelt den Kopf. „Aha“, meint diese dienstbeflissen: „alle notwendigen Sachen finden Sie auf dem Zimmer“.

Michael gibt Sabina seine Karte. Mit einem Leuchtstift hat er die private Telefonnummer markiert; er hat ja jetzt nur noch eine. „Bitte, Sie können mich jederzeit anrufen. Und morgen um 930 Uhr komme ich hierher und lade Sie zum Frühstück ein“. Er sagte das autoritär und irgendwie zornig. Sie nickt und geht.

Michael fährt nach Hause. Noch im Mantel schenkt er sich einen Wein ein und stellt sich auf die Terrasse: Es ist ihm kalt. Was war denn das heute? Hat der Tage 50 Stunden oder was? Das Meeting um 11 Uhr, die Besprechung mit Chef und HR um 14 Uhr, dann der Wutmarsch zum Stadtrand, der Marsch zurück, die Bar, die Frau…

Um 930 Uhr ist er da. Sie steht im Foyer. Er fragt gar nicht, wie sie geschlafen hat. Man sieht es, bei ihm ja auch. Er nimmt sie an der Hand wie ein Kind und geht mit ihr in die Konditorei, die bekannt ist für ein opulentes Frühstücksbuffet. Sie will nur Kaffee. Michael lässt das nicht gelten, holt frisch gepressten Orangensagt, ein Croissant, eine kleine Schale Müesli und ein Ei. So, das wird gegessen. Er sagt es autoritär. Sie tut es. Nach dem zweiten Kaffee fragt er: “Möchten Sie reden?“. Sie schaut ihn an, wie wenn er vorgeschlagen hätte, auf das Matterhorn zu klettern und dort oben Tango zu tanzen. Er bezahlt und sie gehen. Wieder wie ein tüchtiges Marschteam laufen sie durch die Strassen und kommen zum See. Offenbar – er kennt das ja – ist Wasser immer irgendwie beruhigend, mindestens etwas Lebendiges. Ein grosses Rundfahrtschiff steht am Quai, zwei Stunden ist angeschrieben. Michael löst zwei Tickets und sie gehen auf das Oberdeck. Obwohl neblig und kühl setzten sie sich nach draussen, allerdings unter dem Vordach. Der See und die Uferlandschaft wirken fast mystisch, nach ein paar Minuten weg von der Stadt brechen tatsächlich ein paar Sonnenstrahlen durch das Grau. Michael betrachtet von der Seite seine Begleiterin. Sie schaut starr geradeaus. Er erinnert sich, dass sie in einem der obligatorischen Management Seminarien mal einen Facharzt zu Gast hatten, der über Schock, Trauma und die Folgen referiert hat. Offenbar gibt es Menschen, die sind dann wirklich neben sich selbst, können kaum mehr die alltäglichen Gepflogenheiten absolvieren und schon gar nicht mehr reflektieren, was eigentlich geschehen ist. Und er glaubt sich zu erinnern, dass geraten wurde. Einfach nah mit diesen Personen im Alltag zu bleiben, sie nicht herausreissen, nicht bedrängen. Aber was bedeutet das für ihn?

Er erinnert sich: gestern um diese Zeit das verdammte Meeting, und dann seine Wut, das Gesäusel des CEO, der Marsch in den Wald, in die Stadt, in die Bar, dann die Frau. Und jetzt? Er ist innerlich ganz ruhig, die Wut ist weg, er ist neugierig auf sich selbst und den Tag. So tickt er doch gar nicht!

Das Schiff fährt gemächlich durch die zunehmend heller und etwas wärmer werdende Landschaft. Michael macht nochmals einen Versuch. „Sabina, was werden sie heute tun? Gehen Sie zu Julia?“ Sie blickt ihn von weit weg an und nickt. Mehr kommt da nicht. Gegen Ende der Rundfahrt holt er für beide nochmals einen Kaffee und einen Schokoriegel. Blutzucker soll auch eine Rolle spielen, ob ein Mensch noch etwas spürt oder nicht. Bis zur Endstation hat Michael entschieden: Es ist wie es ist. Er ist jetzt mal da und übernimmt Verantwortung. Was auch sonst?

„Ich komme mit Ihnen jetzt ins Unispital und wir schauen, wie es Julia geht. Dann suchen wir nach Ihrem Mann und wenn er Sie nicht heimfahren kann, mache ich das.“ Sie nickt, mehr geht offenbar noch immer nicht.

Vor dem Uni Spital wird sie wach: “nein, wir müssen hier lang gehen. Sie ist auf einer Sonderstation“. Jetzt übernimmt sie die Führung. Sie stehen vor einem Isolierzimmer. Eine Pflegefachfrau erkennt Sabina wieder und freut sich, sie zu sehen. Julia habe gut geschlafen und heute Morgen sei schon ein erster Untersuch vorgenommen worden. Dr. Albert werde sich sicher noch mit ihr besprechen wollen. Skeptisch betrachtet sie Michael: „Sind Sie der Vater?“. Sabina antwortet: „Er ist mein Partner und Julia möchte ihn auch sehen“. Sie dürfen mit einem Sonderkittel und einer Haube ins Zimmer gehen, wo Julia winzig klein in einem allzu grossen Bett versunken scheint .“Mama“, und “Wo ist Papa?“ Skeptisch schaut sie auf Michael.

Sabina erklärt souverän und ganz klar, was gestern passiert ist und dass Peter, der Papa in London aufgehalten worden sei. Sie sei daher froh, dass Michael ihr helfe. Julia scheint beruhigt zu sein. Michael wünscht Julia eine gute Zeit, fragt, ob sie einen Wunsch habe, den er ihr erfüllen könne? Sie verdreht die Augen, ja, sie möchte doch gern zwei drei der Pony hefte vom Kiosk. „Ich schau mal, was ich kriegen kann“. Er geht hinaus, entledigt sich der Schutzkleidung und sucht den Spitalkiosk. Tatsächlich dort gibt es solche Hefte, er nimmt zwei und noch ein schönes Buch mit Pferdebildern. Er trägt das in den Flur vor Julias Zimmer, klopft und als Sabina öffnet, bittet er sie, alles Julia zu geben mit einem herzlichen Gruss. Er hört sie jubeln, offenbar hat er richtig gewählt, er, der Bubenvater…Er hatte geglaubt, alle Jugendlichen lesen doch das Gleiche?!

Sabina hat sich offenbar auch verabschiedet und gemeinsam suchen sie Dr. Albert auf. Sabina stellt Michael wieder vor und Dr. Albert scheint keinen Anstoss zu nehmen, dass das nicht der leibliche Vater von Julia ist. Offenbar kennt er fast alle Verwicklungen, in die Familien heute geraten können. Dr. Albert meint, er sehr Möglichkeiten. Es gebe da ein neues Verfahren, eine Art Blutwäsche. Das sei nicht einfach, auch nicht so angenehm aber wirksam. Man habe gute Erfahrungen gemacht, vor allem bei jungen Patientinnen und Patienten. Julia schiene ihm robust zu sein, auch seelisch. Und mit ihrer Unterstützung als Mutter und Vater – er schien da keine weiteren Gedanken mehr zu verwenden – sei es einen Versuch wert. Sie aber müssten zustimmen.

Sabina sah Michael hilfesuchend an. Was zum Teufel habe ich damit zu tun, wollte Michael einwerfen. Dann aber: „Danke, Herr Doktor, für ihre klare Information. Sabina und ich möchten uns darüber unterhalten und wir werden sie noch heute anrufen. Ist das okay so?“ Dr. Albert schreibt ihnen seine direkte Nummer auf und verabschiedet sich. Sabina und Michael stehen jetzt im hellen Sonnenschein und setzen sich auf die Bank in der Grünanlage. „Sabina, jetzt sinken Sie bitte nicht wieder zusammen. Es geht um Julia. Was wollen Sie tun?“ Sabina zuckt die Schulter. Michael packt sie an diesen Schultern und sagt: „So geht das nicht. Sie müssen jetzt handeln, wo ist Ihr Mann? Hat er Telefon?“

Michael ist über sich selbst überrascht. Er nimmt die Karte, die Sabina ihm hinstreckt, wählt zuerst das Geschäft. Dort teilt man ihm mit, dass Peter noch in London aufgehalten worden sie. Dann stellt er die private Handynummer ein. Tatsächlich nimmt Peter ab und Michael erklärt ihm klipp und klar: er werde hier gebraucht, dringend. Wann er hier sein könne. Das Zögern am andern Ende macht Michael wütend. Ihrer Tochter geht es schlecht, Ihrer Frau verdammt nochmal sehr schlecht. Ich bin nur ein Fremder!!! Peter schweigt. Dann dankt er leise und sagt, er nehme den nächst möglichen Flug, könne sicher am frühen Abend in der Stadt sein. „Um 18 Uhr vor dem Unispital“ bellt Michael autoritär und legt auf.

Er bringt Sabina ins Hotel zurück. Sie soll sich hinlegen und versuchen, ein wenig zu schlafen. Ob sie ein Mittel dafür brauche? Er legt sein Notfallvalium in ihre Hand. Er sei um 1715 Uhr wieder da und hole sie ab. Gemeinsam würden Sie dann ins Spital fahren, wo Peter auf sie warte. Dann könnten sie sich mit Dr. Albert beraten. Er werde ihn informieren. Sabina nickt und verschwindet im Zimmer.

Michael braucht jetzt ein Bier und etwas Währschaftes zu essen. Dann geht er nach Hause, setzt sich an seinen Schreibtisch und wundert sich. Was zum Teufel geschieht gerade? Ich will doch das alles gar nicht, geht mich nichts an, mische mich doch nicht ein, verdammt und seine Wut kommt wieder. Das geht gar nicht. Strategien? :zählen bis 10, bis in den Wald gehen und Bäume ausreissen? Er beginnt zu lachen, laut und herzhaft, über sich, die Welt, ihre Strategien und überhaupt.

Wenn er heute auf die letzten zwei Jahre zurückblickt, fühlt er sich leicht und ja – das kann man auch mal festhalten: glücklich. Er arbeitet selbständig, macht so viel wie er will und muss und will nie mehr mit einem CEO, einer HR Frau oder einer dieser globalen Scheinmonster zu tun haben. Er lebt im Thurgau in einem älteren Haus mit Garten, zusammen mit Sabina und Julia. Letztere ist noch nicht über den Berg, aber mit jeder Therapie wird sie stabiler. Und seine Buben kommen gern am Wochenende aufs Land und auch mal in den Ferien.

Peter ist definitiv nach London verschwunden, wo er schon längst mehr gelebt hat als Geschäfte. Seine Geliebte ist jetzt seine Frau. Sabina ist eine patente Partnerin für Michael.

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© Copyright Monika Stocker