Januar-Geschichte

Aldo

Tumor. Der Arzt redete Klartext, zeigte das Röntgenbild auf dem hellen Monitor in aller Schärfe und mit dem Zeigestab markierte und umrundete er eine dunkle Stelle. Das also ist sein Gehirn und das schwarze Ding der Tumor. Aldo hört zu und schaute wie von aussen auf sich, den Arzt und das Geschehen. Ja, so sieht man es in Filmen, liest es in Romanen. Aber live, mit seinem Leben hat das doch nichts zu tun. Der Arzt setzt sich: „haben Sie mich verstanden? Haben Sie gerade Fragen?“ Aldo schüttelt den Kopf. Der Arzt fährt fort, spricht von Operation, Risiko und Zweit Meinung. Aldo steht auf: „ich muss mal raus und melde mich wieder“. Der Arzt versteht, gibt ihm seine Karte: „Sie können jederzeit… auch privat…“
Aldo steht vor der Klinik. Es ist Frühling. Die Bäume blühen, die Tulpen, die Farben… er geht zum See und setzt sich auf eine Bank. Was ist eben geschehen? Er ist 64, wird in einem Jahr – endlich – pensioniert, hat Pläne und will… und hat versprochen, dass… und freut sich auf… Und jetzt?
Sein Leben läuft an ihm vorbei wie ein Film. Seine Familie von einst, seine eigene, die sich aufgelöst hat, die Kinder im Ausland – Sie wollen, dass er dann – wann dann? – für eine Weile zu ihnen kommt, seine Exfrau mit neuer Familie, er mit ein paar Freunden, der Freundin, den Berufskollegen, dem Erfolg – welchem denn? Und ende, aus?
Er spaziert dem See entlang wie alle alten Leute (alt? Ist er das jetzt?) und schüttelt den Kopf. Kann es nicht eine Verwechslung sein? Das gibt es doch auch? Er hat – fast – nie Kopfschmerzen, fühlt sich fit und gesund. Da kann doch im Gehirn nichts wachsen. Und doch: der Augenarzt hat ihn überwiesen, seine Sehschärfe ist markant zurückgegangen. „Ach, das kann ja sein in meinem Alter“. Dennoch ist er hingegangen und jetzt?
Auf dem Handy will die Freundin das Resultat wissen. Ich kann es dir nicht sagen, noch nicht, meint er ausweichend. Sie aber merkt an der Stimme, dass das nicht stimmt. „Wo bist du jetzt? Im Casino Zürichhorn? Ich komme, nimm ein Bier, in zwanzig Minuten bin ich bei dir“.
Also: ausweichen gilt nicht mehr.
Lisa kommt, setzt sich neben ihn und fragt gar nichts. Es ist unausgesprochen schwierig und unausgesprochen gut. Sie blicken auf den See, auf die Berge, die blühenden Bäume, auf das Leben, ihr Leben. Ja, das ist gut, noch immer, aber bedroht. Sie nehmen das Schiff, und fahren den ganzen See hoch und Aldo kann reden, Lisa hört zu. Sie steigen am Seeende gar nicht erst aus, sie fahren zurück in die Stadt. Lisa nimmt die Karte des Arztes und telefoniert, bittet um einen Termin für sie beide, möglichst sofort. Und sie bekommen ihn.
Jetzt fünf Stunden später ist die Realität im Arztzimmer wirklich real. Der Arzt erklärt und Lisa und Aldo hören zu. Fazit: wenn der Tumor nicht wächst und wenn er keine Beschwerden macht, so kann man zuwarten. Allerdings braucht es eine monatliche Kontrolle, um sicher zu sein. Eine OP ist möglich, aber riskant. Der Tumor liegt in der Nähe der Sehnerven, deshalb auch die Verschlechterung. Schlimmstenfalls könnte es zur Erblindung kommen. Beide hatten gebeten, dass Klartext gesprochen wird und so ist es denn auch. Der nächste Termin ist in einer Woche. Bis dann wollen Aldo und Lisa nachdenken, was sie tun wollen. Selbstverständlich denken beide in wir Form. Aldo umarmt Lisa: danke.

Sie haben entschieden. Aldo beendet das letzte Arbeitsjahr nicht, bezieht die Ferien und ein halbes Jahr unbezahlt und lässt sich regulär pensionieren. Sie gehen nach Südamerika, zu den „Kindern“ und das schon im Spätsommer. Wenn der Tumor Ruhe gibt und keine Schmerzen auftreten, wird das wunderschön. Sie wollten es schon immer, nun hat der Knoten im Gehirn das „irgendwann“ zum „sofort“ verändert. Ist das nicht vielleicht sogar sehr gut? Im Spätsommer also-


 
© Copyright Monika Stocker