August-Geschichte

Tomaso

Tomaso ist Pfarrer geworden. Er hatte eigentlich kaum eine Wahl. Entweder Lehrer, Pfarrer oder nichts, resp. Hilfjobs anzunehmen. Mehr hatten die Vororte der grossen Stadt für einen wie ihn nicht zu bieten. Der Lehrer und dann auch der damalige Pfarrer aber sprachen auf ihn und seine Eltern ein: er soll ins Internat gehen, studieren, das sei der einzige Weg aus der Misere. Also tat er es. Er hatte furchtbar Heimweh, jahrelang, auch nach der Misere kann man sich sehnen. Aber schliesslich wurde er erwachsen und wie jeder Erwachsene verschob er seine Ängste und Gefühle ins Nirwana, bis sie ihn wieder einholen würden.

Er wurde also Pfarrer und auch wenn es andere Optionen gegeben hat, mal da mal dort zu wirken, am Ende ist er in die Agglo zurückgekehrt und will hier bleiben. Aber es ist schon trostlos und so viel Trost hat er denn auch nicht, um alle Löcher aufzufüllen.

Vor allem seit die Migrationsströme ankommen, ist die grosse Stadt überfordert und wehrt sich tapfer gegen die noch Ärmeren. Und was soll er tun? Als Kirchenmann? Als Einheimischer? Als einer von ihnen? Er hält sich zurück und gibt sich so träge wie möglich. Er will nicht vorpreschen, will ja auch nicht verärgern und hat ja auch nichts zu bieten.

Tomaso hat schlecht geschlafen, die Autobahn schien um Kilometer näher als sonst, der dumme Flughafen, der eigentlich so falsch ist wie teuer, kam ihn quasi abholen. Er erwachte mit Kopfschmerzen und einem Druck auf dem Magen. Dabei war heute nicht einmal eine Beerdigung angesagt. Also gab es keinen Grund für dieses miese Gefühl. Das machen sonst doch nur Beerdigungen. An die hat er sich nie gewöhnen können. Und seine Worte, die er den Angehörigen jeweils sagt, beschämen ihn. Sie sind so hohl und unehrlich und erreichen die Herzen nicht. Da hat die Theologie in Tausenden von Jahren noch nichts Gescheites entwickelt. Der Tod ist immer falsch und empörend und alle: „es ist ihm so Vieles erspart geblieben“ und „er war so müde“ oder… oder ... waren einfach nicht richtig.

Kaffee könnte helfen. Starker Espresso wie immer und durchatmen, am offenen Fenster, auch wenn die Luft nicht wirklich gut ist. Man braucht sie doch. Aber nichts besserte sich. Er tigerte durch seine kleine Wohnung und fragte sich, ob er definitiv depressiv und ältlich werde. Midlife konnte es schon nicht mehr sein. Da war er schon überfällig. Was denn sonst. Er zog den Mantel an, die Schuhe und ging nach draussen. Soll er in die City gehen, sich ablenken. Antonio besuchen – er ging mal noch kurz in die Kirche. Seine Kirche – wie das nur schon tönt. Und setzt sich in die hinterste Bank. Wie immer wird er hier ruhig. Es ist eine schöne Kirche, bescheiden, aber gut. Und dann merkt er, dass heute auch da nichts stimmt. Er steht auf und geht durch das Schiff, in die Seitengänge und dann auf die Empore hinauf. Dort findet er sie. Zwei junge Männer in eine dünne Decke gehüllt, die ihn erschrocken anschauen.

Tomaso grüsst und wartet. Es geschieht nichts. Nur unter der Decke scheint der grössere dem kleineren die Hand zu geben und festzuhalten. Mehr nicht. Es ist eine seltsame Stille und ein seltsames Warten.

Tomaso fragt: „Möchtet Ihr Kaffee? Kommt mit in meine Wohnung“. Die beiden starren ihn an, wie wenn er ein Messer gezückt hätte. Alles haben sie erwartet, eine Einladung sicher nicht. Sie nicken, stehen auf, legen ihre Decke zusammen und packen ihre kleinen Rucksäcke und folgen ihm.

Das wird heute ein neues Kapitel bringen, Tomaso ist ruhig. Also dann halt.

Die drei Männer sassen um den Tisch, tranken Kaffee, assen das Brot, das Tomaso aufgeschnitten hatte und dann noch Nüsse und Käse. Sie alle waren nicht gesprächig und kumuliert zu dritt schon gar nicht. Doch Tomaso fühlte sich gedrängt: „was brauchen Sie?“ Pido war sehr froh, dass nicht die Frage kam: „was wollen Sie?“ Denn darauf konnte er nur den Kopf schütteln oder ein Märchen erzählen. Jetzt war er ehrlich: „Wir haben gehört, dass im Hauptbahnhof der grossen Stadt die Möglichkeit besteht, dass man weiterkommt. Wir möchten irgendwohin, wo wir den Krieg abwarten können. Aber wir wissen, dass das Jahre dauern kann.“ Tomaso denkt nach. Ja, davon hat auch er gehört, natürlich. Nur, er hat auch viel Ungutes gehört. Und wenn er die beiden jungen erschöpften Männer vor sich sieht, ist er nicht gerade überzeugt, dass das eine gute Idee ist. Er macht einen Vorschlag:

„Ich fahre heute Nachmittag in die Grossstadt und erkundige mich bei Kollegen. Ich kenne einige dort. Wenn Sie wollen, können Sie hier bleiben für ein paar Tage. Vielleicht ist es besser, wenn Sie noch nicht ins Dorf gehen. Sie können mir aber sagen, was Sie brauchen“. Pido unterhält sich in seiner Sprache mit dem Kleinen. Der schaut Tomaso an, wie wenn er von einem andern Stern kommt. Was er ja auch tut. Und der Kleine weiss viel, was er möchte: Hierbleiben, duschen, Haare schneiden, schlafen, schlafen, schlafen. Pido übersetzt das für Tomaso etwas knapper und wünscht sich dann noch eine Zeitung, eine internationale, die auch über sein Land und den Krieg berichtet. Er holt die 100 Euronote heraus, die der Bauer ihm gegeben hat und hält sie Tomaso hin. „Wir können nur das bezahlen“.

Tomaso nickt und nimmt die Note. Er weiss, sie zurückzuweisen würde das eben entstandene Gleichgewicht wieder verändern. Er zeigt den beiden Männern das Badezimmer und ein Gästezimmer, klein, mit nur einem Bett. Tomaso hat nie Gäste. Er hat aber noch eine dünne Matratze vom Liegebett, das er nie braucht. Es geht ja nicht, ein Pfarrer auf einen Liegebett im Pfarrhausgarten! Der Kleine holt im Rucksack die Kostbarkeit der kleinen Seifen und zeigt sie strahlend. Tomaso meint, er könne sie vielleicht sparen, er habe hier eine ganze Flasche flüssige Seife. Er legt auch Wäsche hin und T Shirts und zwei paar Trainerhosen. Keine Ahnung, ob sie passen. Und dann verlässt er das Pfarrhaus.

Seltsam, noch heute Morgen wusste er von gar nichts oder nicht genug. Und jetzt geht er zielstrebig auf die Busstation und fährt in die Hauptstadt und direkt zum Hauptbahnhof. Er findet dort Giovanni, den er noch vom Studium kennt, sofort. Giovanni ist umringt von jungen Männern, alle mit ausländischer Herkunft wie es scheint und von ein paar Frauen, die Kaffee ausschenken, Sandwiches verteilen und ab und zu auch Kleider holen gehen. Giovanni sagt, dass er in einer halben Stunde abgelöst werde. Er könne dort im Starbuck auf ihn warten. Klar, dass Tomaso nicht vorbeikommt um über das Wetter zu reden. Tomaso setzt sich im Café so, dass er die Szene im Auge behalten kann. Du lieber Himmel, ist das Realität oder ist er im Film? Zwei Carabinieri kommen herangeschlendert – was wird passieren? Gar nichts, sie grüssen Giovanni und gehen weiter. Schliesslich kommt Giovanni. Tomaso sagt, ich verstehe zu wenig, erzähl mir. Und Giovanni erzählt, klar und unumwunden: Dass er eine illegale Auffangstation führt, dass die Behörden froh sind, dass er sie führt und dass er schaut, dass er den jungen Männern (95% sind Männer) klar machen kann, was geht und nicht geht. Es gibt keine Türe zum Paradies. Es gibt unendlich viele bürokratische Hürden und ab und zu eine Verbindung, die weiterführt. Und sonst empfiehlt er ihnen, nach Hause zu gehen, wohl wissend, dass es dieses zu Hause nicht gibt, nicht mehr und dass keiner zurückkehrt, der es bis hierhergeschafft hat. Tomaso erzählt von seinen Gästen. Er sei – ehrlich gesagt – zum ersten Mal so direkt konfrontiert. Was er tun solle? Giovanni betrachtet ihn und fragt dann: was mutest du dir zu? Tomaso schaut fragend zurück. Er versteht nicht. Giovanni erklärt nüchtern: „du kannst sie hierherschicken, du kannst sie verstecken, du kannst sie einfach weiterschicken, du kannst beim Sindaco vorbeigehen und sagen: ich habe hier zwei Gäste und sorge für sie. Letzteres geht meistens gut, kein Formulare, keine Bürokratie aber auch kein Geld, keine Sicherheit. Aber es braucht dich für eine lange Zeit. Du musst es dir gut überlegen. Denn auch deine Kirchgemeinde ist sicher gespalten, es gibt diese und jene und die einen denunzieren nun mal, die andern unterstützen. So war es immer und so wird es bleiben in den nächsten Jahren“. Tomaso weiss nicht warum, er holt seinen Geldbeutel hervor und gibt Giovanni alles, was er bei sich hat. „Danke“, sagt er, „du bist ein wirklich guter Pfarrer“. Giovanni schüttelt den Kopf: „eben nicht, ich bin nicht einmal ein guter Pfarrer“ und lacht übers ganze Gesicht. Dann geht er wieder an seinen Tisch in der Ecke der Bahnhofhalle und ist sofort umringt von vielen jungen Männern. Alltag halt.

Tomaso geht ein tüchtiges Stück zu Fuss. Die Stadt ist schön, grosszügig, die Schaufenster voll von attraktiver Mode, von Luxus, Schmuck und viele Restaurants bieten an, was sie nur können. Tomaso ist zornig und beschämt und er weiss, diese Mischung tut ihm nicht gut. Schon als kleiner Bub hat die Mutter ihn immer zur Seite genommen und gesagt, beides geht nicht, entweder so oder so, du musst dich entscheiden. Also auch jetzt.

Er setzt sich in den Bus, steigt dann aber nochmals aus: die Zeitung! Zum Glück hat er noch etwas Kleingeld in der Manteltasche. Er nimmt eine grosse internationale, ob sie für Pido das bereithält, was er sich wünscht, ist offen. Er hat kein weiteres Geld mehr zum Einkaufen. Nun, Spaghetti hat er, das muss genügen. Je näher er seiner Gemeinde kommt, desto unrealistischer scheint ihm alles. Vielleicht sind sie ja weg. Vielleicht haben sie ihn beraubt. Vielleicht sind es gar keine Flüchtlinge sondern Gauner. Vielleicht, vielleicht findet er eine demolierte Wohnung vor. Er findet eine stille Wohnung vor, das Geschirr vom gemeinsamen Frühstück ist abgewaschen, der Tisch geputzt, er hört keinen Ton. Er wartet und geht dann in sein Büro. Etwas später klopft es an seine Tür und Pido kommt herein. „Der Kleine schläft. Kann ich etwas arbeiten?“

Tomaso bittet ihn Platz zu nehmen und erzählt von der Grossstadt und vom Bahnhof und von Giovanni. Pido hört aufmerksam zu und meint dann: „Wir müssen diese Chance nutzen. Können Sie uns bitte morgen sagen, wie wir zum Bahnhof kommen?“ Tomaso nickt und gemeinsam gehen sie in die Küche und bereiten ein einfaches Abendessen zu. Tomaso fragt, ob sie Wein trinken? Pido lacht, „ja, hier schon“. Schliesslich überlegt er, ob er den Kleinen rufen soll. Er macht sich Sorgen, der Kleine ist immer so müde. Aber wenn es darauf ankommt, dann ist er zäh. Er geht ihn holen, denn Essen ist neben Schlafen seine Leidenschaft.

Pido und der Kleine bitten, die Küche in Ordnung bringen zu dürfen und wünschen Tomaso eine gute Nacht. Sie gehen leise ins Gästezimmer. Er hört, wie Pido dem Kleinen offenbar etwas erklärt, hört auch, wie sie gemeinsam etwas singen, leise nur. Ein religiöses Lied? Ein Kinderlied?

Noch um Mitternacht sitzt Tomaso in seinem Büro. Was ist richtig, was soll er tun? Vorerst schlafen – doch das gelingt kaum. Ist er naiv? Ist er rational klar? Ist er emotional durcheinander?

Am Morgen ist alles klar. Er erzählt beim Frühstück von der letzten Möglichkeit und fragt, ob sie die auch nutzen möchten. Er würde sich freuen.

Jetzt also zum Sindaco. Ihre Beziehung war nicht gerade wie Don Camillo und Beppone, aber herzlich nun wirklich auch nicht. Doch er wurde höflich empfangen und erzählte klipp und klar, von seinem „Fund“ in der Kirche, von seiner bisherigen Gastfreundschaft und seinen Absichten. Der Sindaco war wenig begeistert, musste ihm aber Recht geben. Wohin er auch immer Meldung machen würde, die Hilflosigkeit war überall gleich gross. Er machte Tomaso aber in aller Deutlichkeit klar, dass die Gemeinde keinen Cent aufbringen würde für seinen „Besuch“ und dass das über Jahre gehen könne. Und was dann sei, wenn er wegziehe? Versetzt werde? Tomaso bestätigt, es sind meine Gäste und wo immer ich sein werde, sie gehören zu mir. Okay, der Sindaco war bereit, seine halbwegs schützende Hand über das Pfarrhaus zu halten und verlangte aber offene Kommunikation.

Tomaso besprach sich mit Pido. Dieser erzählte ihm am Abend, als der Kleine schon schlief, von ihrer Herkunft. Dass die Eltern umgekommen seien, dass er Medizin studiert habe und dass sie beide „eingezogen“ werden sollten, sodass der Grossvater verlangte, er müsse gehen und den Kleinen mitnehmen. Was immer man von ihnen verlangen würde in den „Streitkräften“ würde sie zerstören. Er sprach vom Geld, das der Grossvater irgendwie aufgetrieben habe, das ihnen die Reise bis hierher ermöglicht habe. Und mit den zwei Tagen Arbeit bei einem Bauer hätten sie die hundert Euro verdienen können, die er ihm gegeben habe. Jetzt habe er leider wirklich nichts mehr. Er berichtete auch von den Sorgen, die er wegen des Kleinen habe. Seine Müdigkeit, sein enormes Schlafbedürfnis könnte eine Folge der traumatischen Erlebnisse sein. Sie hätten halt zuhause und auf dem Weg hierher viel gesehen und einige hätten ihm berichtet, dass sich die Kinder schützen, indem sie schlafen oder eben nicht mehr schlafen. Der Kleine habe zum Glück die Schlafvariante gewählt. Der Kleine sei übrigens gerade 16 Jahre alt geworden, doch sie würden immer sagen, er sei 14. Sie hätten gehört, minderjährige bekämen eher Schutz.

Tomaso sprach Klartext. Er offeriere seine Gastfreundschaft, die aber verpflichtend sei. Er könne sie weder suchen noch weitervermitteln noch irgendwo melden. Wenn sie diese Variante wählen würden, dann hiesse das, hierbleiben und abwarten, ob und wann sie in die Heimat zurückkehren können. Das brauche viel Toleranz gegenseitig und viel Vertrauen. Sie kennen einander nun vier Tage. Ob das reiche? Er solle es sich gut überlegen. Seinen Entscheid in die Grossstadt und auf den Bahnhof zu gehen und zu schauen wie er weiterkomme, könne er genauso akzeptieren wie ihr Hierbleiben.

Pido gesteht, dass er ambivalent sei. Er wisse nicht, was richtig sei. Er sei ihm natürlich sehr dankbar für seine Offerte. Aber ob er sie annehmen könne und ob es richtig sei, sich „abhängig“ zu machen, wisse er nicht. Er könne vielleicht eklig werden? Sie könnten sich nicht verstehen in so Vielem? Und er sei doch ein Pfarrer, das gäbe doch sicher Probleme? Sie sitzen schliesslich schweigend da. Es schlägt Mitternacht vom Kirchturm und Pido sagt: ich nehme an, gern, unter einer Bedingung: ich will irgendetwas arbeiten. Gibt es eine Möglichkeit? Ich habe nur sechs Semester Medizin studiert, ich habe vorher nur die Schulen besucht und den Eltern und dem Grossvater in der Landwirtschaft während der Ferien geholfen. Englisch kann ich ziemlich gut, Italienisch noch überhaupt nicht und – ja, sonst kann ich nicht viel.

Tomaso bestätigt: es wird Arbeit geben, halt ohne Lohn zuerst aber gegen das Zuhause. Er überlege sich etwas. Das erste aber sei, dass sie beide die Sprache lernen.

Sie gehen zu Bett. An Schlaf ist für Pido genau so wenig zu denken wir für Tomaso. Ist ihr Deal zukunftsfähig?

Irgendwann in der Nacht hört Tomaso, dass die Tür geht und jemand ganz leise hinausschlüpft. Sollte also „sein Besuch“ doch weggehen ohne Wenn und Aber, wie es ihm der Sindaco prophezeit hat? Er stellt sich ans dunkle Fenster und sieht Pido draussen hin- und hergehen. Er blickt zu den Sternen, er hebt die Hände wie zum Gebet und setzt sich am Strassenrand. Soll er zu ihm gehen? Nein, da ist nun eine Entscheidfindung im Gang, die einfach geschehen muss.

Am nächsten Morgen hört Tomaso eine intensive Auseinandersetzung zwischen Pido und dem Kleinen. Sie erfolgt in ihrer Muttersprache und Tomaso versteht nichts. Schliesslich wird es ganz still. Tomaso geht in die Küche, bereitet ein einfaches Frühstück vor, deckt den Tisch für drei. Beide kommen und setzen sich. Pido beginnt: „wir möchten hier bleiben, ich möchte irgendetwas arbeiten, um Ihnen nicht zur Last zu fallen, ich mache alles. Der Kleine hat Angst, dass er hier für die Ewigkeit festsitzt, nichts lernen kann, nichts tun kann und als alter Mann hier stirbt“. Letzteres sagt er mit einem Lächeln. Tomaso nimmt den Kleinen am Arm, schaut ihm in die Augen und sagt: „du wirst hier lernen und ein junger Mann werden, der in der Welt einen Platz bekommt“. Pido flüstert dem Kleinen eine Übersetzung ins Ohr, damit er ja diese Worte mitbekommt. Und zu Pido meint Tomaso: „ich freue mich über ihren Entscheid. Das erste, was sie beide „arbeiten“ müssen, ist unsere Sprache zu lernen. Ich habe eine Bekannte, sie nennt sich Nonna, die Grossmutter, sie war früher Lehrerin. Ich rufe sie an, ob sie vorbeikommen mag und ihnen beiden italienisch beibringen kann“. Die drei Männer blicken sich an, es ist ihnen irgendwie feierlich zu Mute und dann beginnen sie zu lachen, wie wenn sie einen Streich ausgedacht hätten. Die Situation wird lebendig, dynamisch und gibt Energie. Es geht für mehrere Tage. Pido geht zum Bäcker, dort hat er an drei Stunden vormittags einen Ausräumjob bekommen, der Kleine wartet auf die Nonna. Bald soll der in die Schule gehen, es versuchen.

Das Telefon läutet, Giovanni ist am Apparat: „Kann ich kommen?“ das ist alles, was er sagt. Tomaso erklärt ihm den Weg und dann kommt ein alter Mann, schwankend, erschöpft, kaputt, aber es ist Giovanni. Tomaso stellt keine Fragen, gibt ihm eine Literflasche Wasser und sein Bett und dann hört er nichts mehr. Gegen Mitternacht tritt er ins Zimmer und findet Giovanni im Halbschlaf. Er setzt sich aufs Bett: „Was ist los“? Und dann kommt ein Sturzbach von Flüchen, Wut, Tränen, Verzweiflung … Tomaso nimmt seinen Freund aus Schulzeiten in den Arm und singt ihm ein Schlaflied. Giovanni ist in der Zwischenwelt und versucht einen lockeren Witz zu machen, dann schläft er wieder tief und fest.

Am Morgen treffen sich vier Männer um die Kaffeemaschine. Tomaso macht bekannt. Es wird geschwiegen. Es gibt vorerst nichts zu sagen..

Mit einer neuen Wasserflasche setzen sich die beiden Männer in den Garten, hinter dem Haus und Giovanni redet:“ Ich kann nicht mehr. Ich halte diesen Scheiss nicht mehr aus. Wir sind derart scheinheilig und ungerecht, es ist zum Schreien und niemand, niemand will irgendetwas hören. Zudecken, lächeln, grosse Konferenzen, ach, ich weiss nicht mehr, was ich tun soll.“ Tomaso hört zu, redet gar nichts. Was soll er auch sagen. Giovanni hat Recht. Die ganze Welt spinnt, rennt um den Erdball für Geschäfte, für Tourismus, reisst alle Grenzen von Kultur, Sprache und Anstand ein, nur für die armen Menschen, für die sind Grenzen da, immer höhere, immer endgültigere. Nach einer Weile und einer weiteren Wasserflasche stellt Tomaso nüchtern fest: „Du bist erstens erschöpft, zweitens dehydriert und drittens unterernährt. Du bleibst eine Woche hier in meiner Klinik – ja, lach nur – ich werde dich aufpäppeln und dann sehen wir weiter“. Kein Protest von Giovanni wird ernst genommen, vielmehr wird er nach einem Teller Minestrone gleich wieder ins Bett verfrachtet. Man hört von ihm erst um 19 Uhr wieder irgendetwas. Die Kur dauert vier Tage. Dann treffen sich die beiden zu mitternächtlicher Stunde bei einer Flasche Wein dieses Mal und reden. Tomaso will wissen: Was könnte helfen? Es wurde eine kreative konstruktive Nacht.

Beim ersten Espresso am nächsten frühen Morgen schweigen Tomaso und Pido wie immer. Es war das Ritual für den neuen Tag, bei dem sie sich verstanden, ohne Worte. Doch dieses Mal begann Tomaso gleich direkt:

„Giovanni braucht dich am Bahnhof der Grossstadt, er hält das allein nicht durch. Du müsstest arbeiten wie verrückt, teilweise nützt dir das Medizinstudium, es geht aber schlichtweg um alles. Traust du dir das zu?“ Pido nickt: „ Ich will arbeiten und ich will etwas tun, sonst werde ich verrückt“. Tomaso meint: „die Welt ist verrückt. Da wird einer verrückt, weil er vor lauter Arbeit nicht mehr kann und da wird einer verrückt, weil er nicht arbeiten kann und ich werde verrückt, weil ich das alles mitansehen muss und offenbar nichts tun kann“.

Später am Vormittag erscheint Giovanni, ausgeschlafen und ein wenig erholt. Tomaso macht die beiden am Tisch sitzenden und sich genau musternden Männer mit dem Plan bekannt. Dann verabschiedet er sich. Er habe noch Krankenbesuche zu machen. Denn auch in der Normalität spielt das Leben manchmal verrückt.

Als Tomaso nach Hause kommt, übt Nonna mit dem Kleinen ein italienisches Lied. Tomaso hört lachen und fühlt sich erleichtert. Mindestens da scheint etwas in Gang gekommen zu sein. Pido und Giovanni trifft er nicht. Er macht sich an die Zubereitung des Abendessens. Er schmunzelt: jahrelang hiess das: ein Stück Brot und ein Stück Käse und ein Glas Wein für mich, fertig. Und jetzt wird er mindestens für fünf Personen eine warme Mahlzeit kochen. Das Leben ist schon voller Überraschungen, diese gehört zu den erfreulichen.

Da kommen die beiden von einer Wanderung zurück und strahlen: Ja, sie werden morgen in die Grossstadt fahren und gemeinsam arbeiten, was und wie lange auch immer. Ihre Planung ist noch jung und Tomaso will sich nicht einmischen. Doch kategorisch erklärt er: „und jedes Wochenende kommt einer von euch von Freitagabend bis Montagmorgen hierher und ich werde das kontrollieren: es wird normal gegessen, viel Wasser getrunken und mehrere Stunden geschlafen, capito?“

Beim Abendessen ist nur einer bedrückt: der Kleine. Ihm ist es unheimlich, dass Pido nun fortgeht und er hier bleibt. Wie lange soll das alles gehen. Er hört schon, was ihm alle versichern und weiss, dass Nonna auch schaut und die Kids im Dorf. Aber er vertraut niemandem und nichts mehr. Da ist er schon viel zu alt geworden in seinen wenigen Lebensjahren.

Tomaso bittet ihn, ihm beim Abwasch zu helfen. Dann sagt er:“ ich komme morgen früh mit dir ins Schulhaus, dann schauen wir mal, wo du am Ende des Schuljahres einsteigen kannst“. Der Kleine ist sich nicht sicher, ob er richtig verstanden hat. Dochdoch, er soll etwas lernen können. Tomaso wird heute Abend noch einige Telefone machen, es muss klappen.

Beim Espresso und Grappa auf der noch warmen Bank vor dem Haus taucht plötzlich der Bäcker auf und bringt eine Schokoladentorte: Ob sie Lust hätten? Er wünsche guten Appetit und war schon wieder in der Dämmerung verschwunden. Tomaso lächelt, er kennt den Hardliner und heute glaubt er irgendwie an Wunder. Auch die Telefonate sind hoffnungsfroh.

Nach ein paar Monaten sitzt Tomaso vor dem Haus. Der Spätsommer beginnt. Er wundert sich. Er hat einen Sohn, der zunehmend erwachsen wird, auflebt, mal lacht, mal singt und hier die Schule besucht, und wie er hört, sogar einigermassen erfolgreich. Rechnen geht super, das sind ja auch die bekannten Zahlen, aber schreiben und lesen – zum Glück ist die Nonna als Lehrerin unermüdlich. Und sie ist für den Kleinen mehr als das. Sie ist die mütterliche Frau, die er seit Jahren vermisst.

Und Tomaso hat mit den beiden Freunden aus der Anlaufstelle im Bahnhof der nahen Grossstadt viel zu tun. An jedem Wochenende kommt einer, wie vereinbart, lässt sich „pflegen“ an Leib und Seele und will schlafen, schlafen, schlafen. Im Dorf weiss man, dass der Pfarrer Wochenend Gäste hat. Niemand hat bis jetzt irgendwo Anzeige erstattet. Der Sindaco hatte keinen Grund, sich vor Tomaso hinzustellen. Im Gegenteil. Immer wieder finden sich am Sonntagabend Pakete mit Lebensmitteln, Kleider, die noch zu gebrauchen sind und manchmal auch ein paar Euro in einem Couvert vor der Pfarrhaus Tür. Es scheint, dass da Geister wehen…

Und als er hört, dass Pido die Einladung nach Genf bekommen hat, ist er stolz wie ein alter Vater und traurig wie ein solcher, wenn der Sohn flügge wird. Tomaso schilt sich einen alten Esel und freut sich.

Zu den anderen Monatsgeschichten

 
 
 
 

 

 
© Copyright Monika Stocker