Februar-Geschichte

Alex

Alex ist froh. Endlich hebt das Flugzeug ab. Auf einmal hatte er es kaum erwarten können, China zu verlassen. Alles war ihm zu viel geworden. Und jetzt, je höher das Flugzeug stieg, desto erleichterter sah er unter sich die riesige Stadt verschwinden. Er erinnert sich, wie er vor vier Jahre mit so viel Stolz und Erwartung und Hochgefühl hierhergekommen war. Dass sie ihm die Niederlassung China anvertrauten, ihm, dem damals noch jungen Chef, das war ein Ding. Er war überglücklich und sah seine Karriere wie eine Rakete aufsteigen und in tausend farbigen Sternen sprühen.
Genau so war es all die Jahre dann auch gekommen. Er hatte Erfolg. Er konnte aufbauen, gut verhandeln in Englisch zwar, doch gelangen ihm immer häufiger auch ein paar chinesische Höflichkeitssätze, was als Türöffner wirkte. Das Geschäft lief wunderbar, konnte doch seine technische Heimfirma Dinge liefern, die im Bauboom des wirtschaftlichen Höhenflugs Chinas einfach noch fehlten. Das würde nicht mehr sehr lange dauern, denn inzwischen machten sie ja alles selbst, kopierten, entwickelten, spionierten wohl da und dort auch. Die Nachfrage war aber ungebrochen und seine Heimfirma verstand überhaupt nicht, dass er gebeten hat, wieder nach Europa zurückzukehren. Nun würde ihm ein neuer Kollege nachfolgen. Er hatte ihn kennengelernt, Peter war okay und würde seine Sache gut machen. Er hatte ihn den wichtigsten Geschäftspartnern vorgestellt und sich verabschiedet. Dabei wurde ihm wieder bewusst, was er zunehmend nicht mehr ausgehalten hat: die Neutralität. Keiner absolut keiner zeigte mehr als höfliches Bedauern und ebenso höfliche Freude gegenüber Peter. Ein Mensch war hier auswechselbar, es hatte ja auch zu viele von ihnen.
Ein einziger Abschied war etwas Besonderes, der von seinem Apartmentnachbar, einem Arzt. Er hatte ihn zufällig mal im Treppenhaus kennengelernt als Stromunterbruch war. Sie hatten sich auf den Treppenabsatz gesetzt mit einer Kerze und unterhalten über ihren Alltag. Daraus war so etwas wie eine Beziehung entstanden resp. das, was chinesische Menschen darunter verstehen. Alex hat ihn sogar mal aufgesucht, als er sich mit einem idiotischen Büchsenöffner so dramatisch geschnitten hatte, dass er das Blut nicht mehr stillen konnte. Dieser Li nun hatte ihm beim sich Verabschieden auf die Schulter geklopft, bedauert, dass er weg geht und jemand neuer sein Nachbar sein wird. Peter wird es nicht sein, denn er kommt mit seiner Freundin hierher und hat ein grösseres Zuhause gesucht als dieses eine Zimmer.
Ja, und dann natürlich der Abschied von Lucy. Der war aber schon drei Monate her. Er hatte sich in diese besondere Frau verliebt. Sie war exotisch, wunderschön und lieb und freundlich und zärtlich… und fremd. Und das ist sie geblieben. Er wusste oft, dass er eine Puppe im Arm hielt, mehr nicht. Und das kann nicht genügen, er kann auch nicht genügen. Er würde sich nie so verhalten, verhalten können, wie ein chinesischer Mann sich verhalten muss, auch wenn das nirgendwo steht. Es steht in Millionen Köpfen, in Millionen Herzen und das ist eine Macht. Alex kam sich immer einsamer und abartiger – ja genauso – vor. Er spürte, dass sich etwas veränderte, in ihm und bekam Angst. Er wollte diese Veränderung ins Niemand nicht. Er war Alex, er war ein Europäer und er war ein Individualist. Er wollte nach Hause fliegen, subito. Die Firmenleitung hatte sich sehr gewundert. Der HR Chef kam sogar vorbei, als er in Asien zu tun hatte und wollte persönlich nachschauen, was denn geschehen sei und ob er noch überzeugt werden kann zu bleiben. Seinen Erfolg wollte man nicht preisgeben. Doch der Entschluss war unwiederbringlich gefällt und Alex bat den HR Chef um einen baldigen Nachfolger und um zwei drei Optionen, wie für ihn die Karriere in Europa weitergehen könnte. Das war auch jetzt noch offen. Das war gut so.

Er hatte niemandem gesagt, wann genau er ankommen werde. Er musste zuerst allein sein. Er nahm sein Gepäck und setzte sich auf die Terrasse des Flughafens und bestellte einen Espresso und ein Croissant. Wie unendlich oft hatte er bei allen Teezeremonien von einem Espresso geträumt und bei allen fetttriefenden Gebäckstücken, die Einheimische ihm aufgedrängt hatten, von einem simplen aber knusprigen Croissant. Also: er war wieder da. Alex spürte, dass etwas von ihm abfiel und die Müdigkeit der letzten Wochen verschwand. Also, es war richtig hier zu sein, was immer jetzt noch zu klären und zu reden sein wird.
Er nahm ein Taxi und fuhr zu seiner Mutter. Es war richtig, sich zuerst bei ihr zu melden. Sie erschrak und er erschrak. Sie über die unerwartete Heimkehr und er über das unglaublich schlechte Aussehen seiner Mutter. Beim Skypen hatte sie frisch und normal ausgesehen. Wahrscheinlich hatte sie sich jeweils tüchtig geschminkt vorher und mit dem Licht gespielt, dass keine Panik aufkam bei Alex. Aber jetzt kam sie. Er umarmte diese Frau, seine Mutter, die so viel Gewicht verloren hatte und deren Augen wie in tiefen Gruben versunken waren. „Mutter, was ist passiert mir dir?“ sie lächelte und bat ihn erst herein, setzte die Kaffeemaschine in Gang und gab ihm einen Kuss. Dann erzählte sie: “ich war immer so müde und schliesslich ging ich zum Arzt. Man hat ein sehr seltenes Karzinom nahe bei der Niere, in der Nebennierenrinde festgestellt. Das gibt es offenbar so selten dass ich zur Kuriosität verkam. Ich wurde sofort in eine europäische Studie aufgenommen. Wir sind 30 Leidensgenossinnen und Leidensgenossen. Und wir sind Versuchskaninchen. Ich weiss nicht, ob und wie lange ich das noch mitmachen werde.“ Sie schilderte ihm die ganzen Prozeduren. Alex wollte alle Details wissen und fragte nach und ermunterte und schüttelte den Kopf. Schliesslich war Mutter erschöpft. Sie wollte sich hinlegen und Alex hatte Zeit, dich in seinem früheren Kinderzimmer einzurichten und das Gehörte zu verarbeiten. Es war klar, er würde vorerst bei ihr bleiben und nicht in ein Hotel ziehen, wie er es sich vorgenommen hatte. Das ging jetzt einfach nicht.
Auch er legte sich auf sein Bett und schon kam die Jetlag Müdigkeit und die Erschöpfung vom Gehörten und so manches Kräfte fressende Erlebnis zusammen und er versank in einen unruhigen Schlaf. Es war schon dunkel, als Alex sich aufmachte, um seine Mutter zu suchen. Sie sass in der Stube auf dem Sofa und lächelte ihn an. Er ging zu ihr, nahm sie behutsam in die Arme und meinte: „Ich bin jetzt da, wir werden sehen“.
Zuerst aber bestellten sie Pizzas, wir früher, als sie nach der Trennung von Alex‘ Vater eine neue Freiheit genossen und Alex im Studium war. Eine Flasche Rotwein war auch noch da und abgesehen vom schlechten Aussehen seiner Mutter, schien alles zu sein wie früher.

Das war es natürlich nicht, nichts war mehr wie früher. In den folgenden Tagen hatte Alex zu tun. Er musste sich in der Firma stellen, rechtfertigen, wie es ihm schien und er spürte, seine Aktien waren keineswegs so hoch im Kurs wie er sich das erträumt hatte. Von den neuen Optionen, die er sich vom HR Chef erbeten hatte, waren keine auf dem Tisch. Es schien, als ob weder die Oberen noch seine Kollegen sich sehr über seine Rückkehr freuten. Der Erfolg im eigenen Raum ist immer Gift. Alex begann das einzusehen. Er kämpfte aber, und verlangte die Optionen.
Zudem wollte er sich klugmachen über alles, was seine Mutter, ihre Krankheit und die Studie betrifft. Er begleitete sie zu Arztterminen und verlangte ein Gespräch allein mit dem Chefarzt. Da erfuhr er, dass ein Karzinom an dieser Stelle bis jetzt immer rasch zu Vergiftung und Tod geführt habe und man sich von einem neuen Medikament erhoffte, das Karzinom zu neutralisieren. Ein Ausdruck, der sicher falsch aber gut gemeint war. Der Chefarzt gestand auch, dass er seine Mutter gern nach London bringen würde. Dort könnte man versuchen, das Mittel intravenös zu verabreichen statt oral und man versprach sich eine bessere Wirkung weniger Nebenwirkungen wie ja vor allem die Appetitlosigkeit. Doch seine Mutter weigere sich. Sie sei der ganzen Geschichte müde und möchte eigentlich auch die Behandlung abbrechen und nur noch palliativ versorgt werden.
Alex nahm sich vor, am Abend mit seiner Mutter darüber zu reden. Doch als er sie zu Hause antraf, wie ein kleiner Vogel im Bett, da sagte er nichts, kochte eine Bouillon und brachte sie ihr. Sie wollte nur schlafen und das war okay. Er aber ging nochmals ins Geschäft und fand ein Couvert in seinem Fach, mit drei Stellenageboten. Er wusste nicht sollte er lachen oder schreien oder alles gleich zerfetzen. Die Angebote waren vielleicht für einen Lehrabgänger attraktiv, aber nicht für einen Leiter einer Alleinvertretung in einem grossen neuen Markt, die er erfolgreich über vier Jahre gleitet hatte. Was nur was denn geschehen? Er wollte eine Aussprache mit dem CEO und liess nicht locker, bis der Termin klar war.
Die Kündigung war der konsequente Schritt. Er verlangte eine gute Abfindung, bekam sie auch, es war, also ob man froh wäre, ihn loszuwerden. So konnte er sich in Ruhe neu orientieren und was ihm noch wichtiger schien, seine Mutter nach London begleiten. Er hatte sie überzeugt, dass sie doch diese Behandlung versuchen solle, er komme mit, bleibe bei ihr. Im Spätsommer war der Termin festgelegt.

Januar-Geschichte

Aldo

Tumor. Der Arzt redete Klartext, zeigte das Röntgenbild auf dem hellen Monitor in aller Schärfe und mit dem Zeigestab markierte und umrundete er eine dunkle Stelle. Das also ist sein Gehirn und das schwarze Ding der Tumor. Aldo hört zu und schaute wie von aussen auf sich, den Arzt und das Geschehen. Ja, so sieht man es in Filmen, liest es in Romanen. Aber live, mit seinem Leben hat das doch nichts zu tun. Der Arzt setzt sich: „haben Sie mich verstanden? Haben Sie gerade Fragen?“ Aldo schüttelt den Kopf. Der Arzt fährt fort, spricht von Operation, Risiko und Zweit Meinung. Aldo steht auf: „ich muss mal raus und melde mich wieder“. Der Arzt versteht, gibt ihm seine Karte: „Sie können jederzeit… auch privat…“
Aldo steht vor der Klinik. Es ist Frühling. Die Bäume blühen, die Tulpen, die Farben… er geht zum See und setzt sich auf eine Bank. Was ist eben geschehen? Er ist 64, wird in einem Jahr – endlich – pensioniert, hat Pläne und will… und hat versprochen, dass… und freut sich auf… Und jetzt?
Sein Leben läuft an ihm vorbei wie ein Film. Seine Familie von einst, seine eigene, die sich aufgelöst hat, die Kinder im Ausland – Sie wollen, dass er dann – wann dann? – für eine Weile zu ihnen kommt, seine Exfrau mit neuer Familie, er mit ein paar Freunden, der Freundin, den Berufskollegen, dem Erfolg – welchem denn? Und ende, aus?
Er spaziert dem See entlang wie alle alten Leute (alt? Ist er das jetzt?) und schüttelt den Kopf. Kann es nicht eine Verwechslung sein? Das gibt es doch auch? Er hat – fast – nie Kopfschmerzen, fühlt sich fit und gesund. Da kann doch im Gehirn nichts wachsen. Und doch: der Augenarzt hat ihn überwiesen, seine Sehschärfe ist markant zurückgegangen. „Ach, das kann ja sein in meinem Alter“. Dennoch ist er hingegangen und jetzt?
Auf dem Handy will die Freundin das Resultat wissen. Ich kann es dir nicht sagen, noch nicht, meint er ausweichend. Sie aber merkt an der Stimme, dass das nicht stimmt. „Wo bist du jetzt? Im Casino Zürichhorn? Ich komme, nimm ein Bier, in zwanzig Minuten bin ich bei dir“.
Also: ausweichen gilt nicht mehr.
Lisa kommt, setzt sich neben ihn und fragt gar nichts. Es ist unausgesprochen schwierig und unausgesprochen gut. Sie blicken auf den See, auf die Berge, die blühenden Bäume, auf das Leben, ihr Leben. Ja, das ist gut, noch immer, aber bedroht. Sie nehmen das Schiff, und fahren den ganzen See hoch und Aldo kann reden, Lisa hört zu. Sie steigen am Seeende gar nicht erst aus, sie fahren zurück in die Stadt. Lisa nimmt die Karte des Arztes und telefoniert, bittet um einen Termin für sie beide, möglichst sofort. Und sie bekommen ihn.
Jetzt fünf Stunden später ist die Realität im Arztzimmer wirklich real. Der Arzt erklärt und Lisa und Aldo hören zu. Fazit: wenn der Tumor nicht wächst und wenn er keine Beschwerden macht, so kann man zuwarten. Allerdings braucht es eine monatliche Kontrolle, um sicher zu sein. Eine OP ist möglich, aber riskant. Der Tumor liegt in der Nähe der Sehnerven, deshalb auch die Verschlechterung. Schlimmstenfalls könnte es zur Erblindung kommen. Beide hatten gebeten, dass Klartext gesprochen wird und so ist es denn auch. Der nächste Termin ist in einer Woche. Bis dann wollen Aldo und Lisa nachdenken, was sie tun wollen. Selbstverständlich denken beide in wir Form. Aldo umarmt Lisa: danke.

Sie haben entschieden. Aldo beendet das letzte Arbeitsjahr nicht, bezieht die Ferien und ein halbes Jahr unbezahlt und lässt sich regulär pensionieren. Sie gehen nach Südamerika, zu den „Kindern“ und das schon im Spätsommer. Wenn der Tumor Ruhe gibt und keine Schmerzen auftreten, wird das wunderschön. Sie wollten es schon immer, nun hat der Knoten im Gehirn das „irgendwann“ zum „sofort“ verändert. Ist das nicht vielleicht sogar sehr gut? Im Spätsommer also-


 
© Copyright Monika Stocker