April-Geschichte

Doris & Paul

Sie wollen nicht mehr fliegen. Da ist nicht nur der Klimaschutz, nein, da ist auch eine Müdigkeit, die sich aufhäuft. Je mehr ihre Freundinnen und Freunde von Reisen und Orten erzählen, von Inseln und Abenteuer, desto müder werden sie. Warum nur? Es ist, wie wenn sie schon vom Zuhören die Strapazen auf sich genommen hätten. Natürlich auch die Freuden und die farbigen Bilder und die Gerüche und die Begegnungen mit den so fremden Menschen. Die scheinen aber selten zu sein. Denn wer es sich leisten kann und die reisenden alten Menschen können es sich leisten, der lebt in Hotels mit einem Standard wie er auch im eigenen Land vertraut ist. Dort sind die Einheimischen die Angestellten und ihnen wurde ein Verhalten beigebracht, das keine persönlichen Gespräche zulässt. Man ist höflich, lächelt und kann ein wenig englisch, mindestens so viel, dass man die Wünsche der Gäste versteht. Das reicht. Und man ist natürlich sehr froh um den Arbeitsplatz, das gibt genügend Geld für die grosse Familie zu Hause und erspart die Migration.
Wenn Doris und Paul jeweils hören, wie es war, dann steigt nur mässige Sehnsucht auf. Offenbar gibt es ein Konto Sehnsucht, das im Laufe des Lebens aufgebraucht wird. Sind sie da nicht normal? Wer weiss, mindestens ist aus kommentierten Zwischentönen der viel Reisenden und viel Erlebenden ein Bedauern zu hören. Umso freudiger erzählen sie und das ist schön. Wer Phantasie hat, kann mit reisen und erleben und geniessen, ohne aber selbst zu ermüden. Ein Privileg, findet Doris und lächelt über ihre Erklärung. Wie immer muss sie innerlich mit sich „abrechnen“, was ist was und warum so und nicht anders und überhaupt. Wie alt muss eine Frau wohl werden, bis sie all ihre Überich Stimmen zum Schweigen gebracht hat? Oder gelingt das gar nie? Sie kennt eine ganz andere Sehnsucht, jene nach Stille, nach Rückzug und lesen, viel lesen und viel verstehen. Doch das tönt nicht exquisit und ist es ja auch nicht. Es gibt da nicht viel Abenteuerliches oder dann so Vieles, was zu kompliziert ist, um es andern schmackhaft zu machen. Jede Lektüre trifft ja auf ihr erfülltes Leben und bringt jene Erinnerung, diese Kränkung, viel Freude und halt auch Enttäuschung in die Realität zurück. Und darüber unter alten Menschen zu reden, macht nicht viel Sinn. Jede und jeder hat da genug Eigenes, um fertig zu werden. Mehr sich aufhalsen liegt da nicht drin. Auch das kennt Doris. Schweigen ist vielstimmig in vielen Freundesrunden und entlastet auch.

Dass Ihr Sohn nun in Ostafrika arbeitet und dort eine Frau gefunden hat, die er liebt, ist eine Neuigkeit, die selbst in ihrem aufgeklärten Freundeskreis zu Kommentaren und Stirnrunzeln Anlass gibt. Dabei ist es doch wie immer. Die Eltern haben da gar nichts zu sagen und müssen es auch nicht. Wenn sie die Erziehung einigermassen erfolgreich hinter sich gebracht haben, was immer das auch heissen mag, dann ist jeder selbständige Entscheid der Tochter oder des Sohnes halt ihr Entscheid und Eltern können teilhaben oder sich verweigern, mehr nicht. Und klar wollen Paul und Doris teilhaben. Aber wie denn? In Ostafrika? Vorerst müssen Briefe, Skypen. Mails und sms reichen. Die junge Frau ist schön und strahlt und lacht für ihre Schwiegereltern in Europa. Man bekommt sie über Hunderte von Kilometern herzlich gern und nimmt sie quasi technisch in die Arme. Werdet glücklich, heisst der Segen, der immer richtig ist. Und der Segen scheint sich zu erfüllen.

Ostafrika ist gross, die Geschichte vielfältig, kriegerisch, in alten Zeiten wie in den jüngeren. Sie beginnen zu lesen, zu studieren, zu forschen. Das alles klingt so verletzend und ausbeuterisch und krank, wie ja in vielen Teilen der Welt. Menschen sind auch böse und grausam. Es scheint, wie wenn sich auch ein Erbe von Zerstörung fortpflanzen würde über Generationen, alttestamentarisch. Dass ihr Sohn als Arzt die aktuellen Grausamkeiten behandelt ist wie ein Teil der Geschichte, die offenbar nicht zum Stillstand kommt. Die junge Frau an seiner Seite aber, die ist optimistisch, alles wird von Jahr zu Jahr besser. Sie konnte in die Schule gehen, ihre Brüder und Schwestern auch und alle arbeiten. Zusammen können sie die eigenen Eltern ernähren und jene, die schon eigene Kinder haben, kommen auch zu Gange. Das ist mehr als Jahrzehnte in diesem fremden Land je möglich gewesen ist. Sie ist dafür dankbar. Es kommt ihr gar nicht in den Sinn, sich zu beklagen, dass es zu langsam gehe. Tempo scheint eine unterschiedliche Wahrnehmung zu sein. Auch das müssen die alten Menschen in unserer hektischen Weltregion lernen und viele verzweifeln dabei. Sie rennen respektive reisen noch um den Globus in einem Tempo, das sicher nicht mehr ihres ist. Aber das sei halt so, meinen sie, ruhen und nachdenken könne man dann immer noch.

Doris und Paul erschrecken. Heute kommt eine sms und zeigte die wundervolle Benja mit einem markant gewölbten Bauch. Darunter steht: wir freuen uns schon jetzt auf unsere Grosseltern. Das sind gleich mehrere Botschaften, die zu verdauen sind.
Sie werden Grosseltern und wie sie interpretieren von Zwillingen und – das ist ja offensichtlich – werden es wunderschöne Cappuccino Kinder werden, wie sie sich lächelnd gegenseitig bestätigen. Nach dem Erschrecken, melden sie ein „hocherfreut“ zurück und holen eine gute Flasche Rotwein aus dem Keller. Das ist doch wunderbar, Tränen und Sorge und Freude, die bunte Mischung wie damals, als sie selbst vom Wunder von ihren werdenden Kindern erfahren hatten.

Ihr Sohn telefoniert am nächsten Wochenende und fordert ultimativ, dass sie ihre Reise Phobie überwinden und spätestens nach der Geburt der Zwillinge zu ihnen kommen müssten. Das sei doch einfach ein Muss. Enkelkinder müssen von den Grosseltern im Arm gehalten werden, das sei quasi ein Gebot, das einzuhalten verpflichtend sei.

Darüber werden sie nachdenken und noch viele Wenn und Aber und Vielleicht in die Waagschalen werfen. Jetzt aber gilt der Segen über das Telefon für die beiden werdenden Menschlein. Das ist auf sicher.

 
© Copyright Monika Stocker