April-Geschichte

Bea

Die Veranstaltung war nett, mehr nicht. Man tauschte die Höflichkeiten, man debattierte die unumstösslichen Fakten und gab sich mit den Brosamen der Fachexperten zufrieden. Die Schwere im Saal war unüberbrückbar Die Leute rutschten auf ihren Stühlen immer weiter nach unten und Bea glaubte, die eine oder der andere werde sich demnächst in Luft auslösen, was vielleicht auch gewünscht war. Wie in einem Film sah sie die Veranstalter sich die Hände reiben und demnächst zum kühlen Weissen einladen. Denen hatten sie es wieder einmal gesagt, gezeigt und klar gemacht. Punkt.

Bea meldete sich zu Wort: „Und wenn alles ganz anders wäre? Wenn wir statt den gewohnten Weg, der unmissverständlich zu weniger Gerechtigkeit führt, verlassen würden? Einfach so.“ Sie kam ins Feuer und erzählte zwei einleuchtende Beispiele, die zu grossem Gewinn geführt haben, aber nicht für die immer gleichen sondern für jene, die tatsächlich die Arbeit machen. Und darunter waren sage und schreibe auch viele Frauen.

Die Augenbrauen des Moderators schoben sich bis zum Haaransatz, die Referenten von vorhin griffen demonstrativ zu Bleistift und Papier als wollten sie gleich vorrechnen, wie idiotisch ein solcher Gedanke ist.

Seltsamerweise aber kam irgendwie Bewegung in den Raum, ein frischer Wind, ein paar Seufzer, ein Lächeln da oder dort und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer setzten sich gerade hin und wurden wieder sichtbar und grösser. Die Stille nach ihrem Votum kannte Bea nur zu gut. Sie ist ihr wie eine zweite Haut geworden, die entweder verletzt oder gestreichelt wird. Wissen kann man das nie zum Voraus. Und tatsächlich, der Moderator wollte sich schon zu dem Referenten wenden, als erst zaghaft dann immer deutlicher Applaus hörbar wurde.

Die Augenbrauen des Moderators kamen herunter, er kannte seine Tools und zeigte jetzt ein rührend verständnisvolles Lächeln. Gleich wird er sagen, was sie immer sagen. Und schon kam es: „Das ist ein interessanter Gedanke, Frau…äh,,,“ Bea liess ihn zappeln. Ihr Name war nicht wichtig. Der würde bei ihm sowieso in einer Schublade landen, in der zwar sicher eine gute ihr vertraute Gesellschaft eingeschlossen war, aber eben eingeschlossen.

Es folgten zwei weitere Wortmeldungen und die Debatte kam in Fahrt und war wirklich dem Thema und der Ernsthaftigkeit gemäss, die eigentlich der Titel der Veranstaltung versprochen hatte. Warum nur hielten diese Machthaber andere Menschen grundsätzlich für blöd? Warum glaubten sie tatsächlich, dass sie nur aufzutreten bräuchten und dann würden alle gläubig?

Bea merkte, sie sollte verschwinden, jetzt. Sie wusste ja, was kommen würde. Beim Apéro würde man ihr auf die Schulter klopfen, der eine oder andere vom Podium käme und würde verschwörerisch flüstern: „Ich war so froh über ihr Votum, wissen Sie, ich kann mir das nicht leisten“- Bea hatte gelernt, auf so etwas kann man nicht antworten. Denn das, was man antworten müsste, wäre ein fast tätlicher Übergriff. Die Herren in der Komfortzone waren schon lange so feige und angepasst, dass man sie schütteln müsste, ihnen auf die Finger klopfen oder… es kamen ihr noch andere Möglichkeiten in den Sinn. Nur: Populismus und Mainstream sind die modernen Silberlinge, dafür verkauft man schon mal seinen Charakter.

Bea wollte so schnell wie möglich nach Hause gehen. Der Trick war immer derselbe, man entschuldigte sich, man müsse mal die Toilette suchen gehen und geht dann gleich zur Garderobe und nichts wie weg. Auf der Haltestelle überschlug sie mal kurz, wie viele Abende ihres Leben sie solche Theater mitgemacht hatte. Sie kam in 40 Jahren auf eine beachtliche Anzahl. Bereute sie die Zeit? Hätte sie all die Stunden gescheiter verbringen können? War das wirklich ihr Leben?

Auf dem Balkon gönnte sie sich ein Glas Wein und schaute über die Dächer, in den Sternen übersäten Himmel und wurde endlich ruhig. Das Herz, das arme schon zu hart geklopfte und in diesen vielen Jahren beschädigte, wurde in einen angenehmen Rhythmus versetzt und von Bea fielen Gewichte ab, selbst der Bleimantel verschwand.

Es gibt Osteoporose in den Knochen, abnehmende Hör- und Sehfähigkeit, es gibt die Abnützung der Gelenke und das und jenes. Vieles wird repariert und ersetzt und erneuert. Jede Maschine kommt ins Alter und irgendeinmal entscheidet der Chef: wir nehmen sie aus dem Betrieb, bevor das Material einen Ermüdungsbruch erleidet und Schlimmes anrichten kann.

Gibt es möglicherweise auch den Ermüdungsbruch der Seele? Parallel zum broken heart Syndrom., das alle belächeln, das es aber tatsächlich gibt? Bea hat es erfahren: beim Verrat war es spürbar: ein Bruch, der mitten durch ihr Herz ging, irreparabel. Broken heart, Ermüdungsbruch der Seele, das sind wohl eher Frauenkrankheiten, deshalb unerforscht und nicht dokumentiert, belächelt. Real sind sie trotzdem.

Erklärt das alles? Alter, Abnutzung, Abgekämpft, das schon. Aber das andere, das Gefühl, das innere, das ist doch nicht mehr sie, jene Person, die sie geworden ist, in vielen Jahren, mühsam und tüchtig, glücklich und lustvoll? Das Leben passt nicht mehr zu ihr. Oder sie passt nicht mehr zum Leben. Erst noch hat man ihr attestiert, dass sie das Vorbild sei für so viele, die nicht müde werden, sich nicht unterkriegen lassen, eine, die man nicht auf die Seite schieben könne. Sie erinnert sich an so viele dieser Events, wie man das ja heute nennt.

Bea weiss, dass sie gleich reichen Besuch bekommen wird, Besuch von unzähligen Frauen, die über Jahrhunderte gelebt und gekämpft haben, dabei umgekommen sind, verbrannt, eingeschlossen oder ganz einfach lächerlich gemacht und totgeschwiegen wurden. Sie kommen aus den Büchern, den historischen und den modernen, sie kommen aus den Filmen, den Universitäten, aus den Alltagszeitungen, den Illustrierten, den Jahresberichten von NGOs, aus dem Alten und den Neuen Testament, aus den Familienalben. Sie alle strahlen ein Licht aus und wärmen. Ich bin nur eine in einer langen, nicht abbrechenden Reihe. Und diese wird weitergehen, auch ohne mich. Solange leben wirkliches Leben meint und nicht nur so tun als ob, wird sie nicht allein sein, nicht einsam, auch wenn es sich manchmal so anfühlt.

 

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© Copyright Monika Stocker